EGL073 Chinesische Filme auf der Berlinale 2025: Living the Land, The Botanist und Girls on Wire

Familie, Wandel und Verletzlichkeit: Die leisen Stimmen im chinesischen Arthouse-Kino.

Februar ist Berlinale Zeit und Micz hat schon letzte Episode mit dem "Rocker"-Review vorgelegt. Jetzt zieht Flo nach und setzt seine vor zwei Jahren begonnene Reihe zu chinesischen Filmen auf der Berlinale fort. Dieses Jahr hat er sich "Living the land" und "Girls on wire" im Wettbewerb und "The Botanist" in der Sektion Generation angeschaut. Wir steigen gleich mit der fundamentalen Frage ein, inwieweit chinesische Filmemacher:innen unter den Bedingungen eines autokratischen Systems kritische Inhalte transportieren können. Wir wollen anhand dieser Filme untersuchen, ob, wie Micz am Anfang in den Raum stellt, westliche Rezensierende versuchen, Kritik zu finden, wenn Filme in autokratischen Systemen entstehen, die auch Zensur betreiben. Flo sieht in den übergreifenden Themen der Filme durchaus Themen, die auch in China kritisiert werden. Und damit auch eine erlaubte Kritik formulieren, die die chinesische Gesellschaft beschäftigt. In den Filmen "Living the Land" und "The Botanist" stehen Kinder im Mittelpunkt der Erzählung, die bei der Großmutter aufwachsen, weil ihre Eltern als Wanderarbeiter:innen die meiste Zeit abwesend sind. Wanderarbeiter:innen stellen in China die größte Binnenmigration der Welt dar. Viele Kinder wachsen bei Verwandten auf oder werden allein gelassen, weil ihre Eltern sie nicht mitnehmen können. Das von Mao Zedong eingeführte Meldesystem "Hukou" untersagt es chinesischen Bürger:innen, in einem anderen Teil des Landes Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, als dort, wo man gemeldet ist. Da die Wanderarbeiter:innen nicht an einem festen Ort bleiben, können sie ihre Kinder nicht mitnehmen, da diese sonst keine Schulausbildung erhalten würden. Allen drei Filmen ist gemeinsam, dass die Familie als Ort der Identität und der Verletzlichkeit erfahren wird. Trotz des immensen Fortschritts in China ist die Familie nach wie vor ein starkes Band, das gerade auf dem Land die Perspektiven der nachwachsenden Generation maßgeblich bestimmt. Besonders deutlich wird dies in dem Film "Girls on Wire", den Micz und Flo gemeinsam gesehen haben. Der Film erzählt die düstere Geschichte zweier Cousinen, die zwischen Drogen, Familie und Filmindustrie gefangen sind. Die Figuren sind stark und verletzlich zugleich. Die Stellung der Frau in der chinesischen Gesellschaft, die Armut der Landbevölkerung, die Folgen der Ein-Kind-Politik, die zerrütteten Familienverhältnisse der Wanderarbeiter - diese Themen werden in der kleinen Auswahl chinesischer Filme auf der Berlinale angesprochen. Flo betont, dass diese Filme auch in China zum Arthouse-Genre gehören und nicht von einem chinesischen Massenpublikum gesehen werden. Obwohl diese Filme nur ein kleines Publikum erreichen, bieten sie uns einen wertvollen Einblick in die chinesische Gesellschaft.

Shownotes

Mitwirkende

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Florian Clauß
Erzähler
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Micz Flor

Transcript

Micz Flor
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Hallo und wieder herzlich willkommen bei Eigentlich Podcast,
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dem Podcast, bei dem wir im Laufen reden und laufend reden.
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Mein Name ist Mitch und neben mir ist Flo.
Florian Clauß
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Ich bin Flo.
Micz Flor
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Das ist Flo und wir sind gerade hier im Aufbruch vorbei am Tempelhofer Feld
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oder wo laufen wir gerade lang?
Florian Clauß
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Wir laufen jetzt parallel zum Tempeluferfeld runter Richtung Rixdorf.
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Oder nee, wir kommen von Rixdorf. Wir laufen jetzt auf jeden Fall so weiter
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durch Neukölln, um neutral zu bleiben.
Micz Flor
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I'm loving it. Auf jeden Fall ist das eins der Dinge, die wir tun.
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Wir laufen immer irgendeine Strecke in Berlin. Meistens Berlin,
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jetzt seit Ewigkeiten eigentlich nur Berlin.
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Und auch jetzt in Folge 73 wieder in Berlin. und einer von uns hat immer ein
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Thema vorbereitet, manchmal waren wir auch Gäste.
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Und die Person, die nichts vorbereitet hat, die macht die Ansage, das bin ich.
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Aber ich weiß, was Flo vorbereitet hat. Nicht im Detail, aber im Großen und
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Ganzen wird Flo uns heute drei chinesische Filme vorstellen,
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die er auf der Berlinale gesehen hat.
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Einen davon habe ich mit ihm gesehen, zwei davon hat er ohne mich gesehen. Gemeiner Hundtuch.
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Die besprechen. Das ist auch schon ein bisschen Tradition. Das haben wir zumindest
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einmal schon mal gemacht.
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Da sind wir, wenn ich mich recht erinnere, im Friedrichshain ganz nach oben
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auf diesen leicht verschneiten Berg gelaufen.
Florian Clauß
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Ja, das ist ein Flackturm. Das war quasi das Überbleibsel eines Flackturmes.
Micz Flor
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Aber es war doch im Friedrichshain. Es war in Friedrichshain.
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Ach, das wusste ich gar nicht, dass es ein Flackturm war.
Florian Clauß
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Doch, das hatten wir besprochen.
Micz Flor
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Hatten wir da besprochen? Das wusste ich auch nicht mehr. Aber ich erinnere
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mich noch, dass es kalt war.
Florian Clauß
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Ja, es war kalt.
Micz Flor
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Und ich habe irgendwas gesagt über den tanzenden Mann und die innere Bühne oder irgend sowas.
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Also das verlinkst du jetzt einfach nochmal, dass die Leute zurückspringen können
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und deine Tradition, die Serie aller Serien, immer drei Filme aus China auf
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der Berliner alle zusammengefasst.
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Aneinander gerieben.
Florian Clauß
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Und vielleicht auch so ein bisschen querschnittlich betrachtet, kann man auch sagen.
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Und hier hat er auch in der Ankündigung, zu deiner Lempke-Folge,
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hatten wir ja auch gesagt, dass ich lauter Filmserien so aufgerissen habe,
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mit Roadmovies, mit dem ganzen, das neue Kino, Nouvelle Vague,
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in verschiedenen Varianten, wo mir noch gar nicht klar war, dass das jetzt auch
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zu einer laufenden Reihe wird, nämlich chinesische Filme auf der Berlinale. Warum mache ich das?
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Weil ich chinesische Filme mag ich war selber zweimal in China ich finde es interessant,
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die Kultur da zu beobachten auch um sich dann halt wirklich so einen Fokus zu
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setzen bei der Berlinale, weil nichts ist schlimmer ich weiß nicht,
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ob du durch das Programm da gestiegen bist von der Berlinale nichts ist schlimmer,
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als sich Filme auszusuchen während der Berlinale deswegen ist dieses irgendwie
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Stay Focused und ich suche mir jetzt nur Filme aus einem Land ganz gutes Prinzip,
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um sich dann halt auch so die Filme zu erschließen von der Berlinale.
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Und dieses Jahr in der Berlinale, wir nehmen auf, gestern war der letzte Tag der Berlinale.
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Also die Berlinale ist gerade frisch zu Ende gegangen. Als wir deine Episode
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aufgenommen haben über Lemke,
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waren wir noch im tiefen Schnee, in der tiefsten Kälte, bitterlich kalt,
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wie meine Tochter früher immer gesagt hat. Das ist bitterlich kalt.
Micz Flor
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Es war so finster und auch so bitterkalt.
Florian Clauß
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Genau, daher. Jetzt haben wie mindestens 15 Grad Unterschied, wenn nicht sogar 20.
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Und das ist angenehm. Aber gut, wir sind ja erprobt, draußen zu laufen und zu reden.
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Ich habe drei Filme und ich würde auch tatsächlich, so wie ich die gesehen habe,
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dir auch dann so präsentieren.
Micz Flor
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Welchen habe ich mitgesehen? Den dritten.
Florian Clauß
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Genau, den dritten. Und den würde ich auch so ein bisschen aufmachen,
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weil die ersten beiden lassen sich so ganz gut auch zusammen besprechen.
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Oder fassen, weil die ähnliche Themen behandeln, aber ganz unterschiedlich.
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Es gab auch nicht so viele chinesische Filme auf der Berlinale.
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Es waren wirklich auch so drei nur ein Kurzfilm und dann gab es noch so Cross-Produktionen
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mit anderen Ländern, also nicht primär China, aber wo China quasi mitproduziert hat.
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Also die Filme, die ich gesehen habe, waren so glaube ich auch so der Haupt
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des Großes an chinesischen Filmen.
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Zwei davon, Wettbewerb, also den, den wir gesehen haben, war auch noch Wettbewerb.
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Den, den ich zuerst mit dir besprechen will, ist...
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Ich spare mir die chinesischen Titel, weil ich die erstens nicht aussprechen
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kann und zweitens, glaube ich, auch nicht keinen Mehrwert für uns jetzt haben.
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Der erste, den ich mit dir besprechen will, ist auch im Wettbewerb gelaufen
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und hat tatsächlich den Silbernen Bären gewonnen.
Micz Flor
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Ja.
Florian Clauß
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Für die Regie.
Micz Flor
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Das wusste ich schon.
Florian Clauß
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Das wusste ich. Und das heißt, Living the Land...
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Bevor ich da einsteige, möchte ich auch noch mal so die Motivation für chinesische
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Filme, weil was mich daran auch interessiert ist,
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wie junge Filmemacherinnen und Filmemacher in einem autokratischen System Kritiken
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üben können durch ihre Kunstwerke.
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Und ich meine, dass wir hier auch Ansätze in den Filmen finden,
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die durchaus kritisch gegenüber der Regierung sind.
Micz Flor
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Kann ich dann aber dem gegenüber auch stellen, dass es vielleicht auch andersrum
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interessant ist, zu beobachten, wie westlich Rezensierende versuchen, Kritik zu finden,
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wenn Filme in autokratischen Systemen entstehen, die auch Zensur betreiben und
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so. Weißt du, ich meine, es lädt ja ein.
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Marcel Reich-Ranitzki hat bei dem Literarischen Quartett mal irgendwie gesagt,
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ich kann die Stimme nicht gut nachmachen, ich versuche es trotzdem ein bisschen.
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Jedes Buch aus der DDR läuft sofort Gefahr, analysiert zu werden,
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nur wenn vier Männer sich in einem Zimmer über etwas unterhalten.
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So in der Art, hat er gesagt.
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Also es ist paraphrasiert und auch schlecht imitiert. Aber diese Idee,
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dass man natürlich immer gleich Kritik auch finden möchte.
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Also es ist ja so ein bisschen, als ob man dann die Kunst nicht Kunst sein lassen
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kann, sondern man muss die These finden in dem Film, die da verpackt und versteckt
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ist und rausgeschmuggelt wurde und die dann gleichzeitig bei dir sich entfalten darf.
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Und das würde ich da einfach mal dagegen halten, zu gucken, ob man da auch nicht
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sehr empfindlich ist, Dinge zu spüren.
Florian Clauß
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Gut, du legst mir gerade ein Ei ins Nest, ein kleines Kuckucksei,
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was dann so metawäsig gerade hochgeht.
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Aber gut, kann ich nachvollziehen, diesen Ansatz, dass man das sieht,
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was man sehen will, weil man eben den Blick von außen auf ein autokratisches
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System hat und durchaus da Sachen rein interpretiert.
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Aber es gibt, und das will ich dagegenstellen, es gibt Themen,
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die die Filme behandeln, die eindeutig auch eine Kritizität in China haben.
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Okay, ich fange an. Living the Land ist ein Film über das Landleben,
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spielt im Prinzip über ein Jahr 1991.
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Begleitet ein Dorf im Großen, speziell eine Familie,
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über die vier Jahreszeiten fängt im Frühling an, wo noch die Bäume keine Blätter
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tragen und endet im Winter.
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Und im Fokus dieses Films steht der zehnjährige Chuang, der,
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bei seiner Familie aufwächst, aber ohne Eltern.
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Seine Eltern sind in Shenzhen als Wanderarbeiterinnen unterwegs.
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Er wächst bei seiner Tante auf, hat eine tiefe Verbindung zu seiner Großmutter
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und auch eine sehr liebevolle Beziehung zu seiner jüngeren Tante.
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Die Tante, die Schwester von seiner Mutter, Die ist etwas älter,
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aber es gibt noch eine junge Frau, die um die 20 ist.
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Zu der hat er ein sehr inniges Verhältnis. Der Sohn seiner Tante,
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also seinen Cousin, mit dem er auch viel abhängt.
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Und ein behinderter Sohn noch, der da zur Familie gehört.
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Der Film fängt sehr episch an.
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Der Film ist wirklich so eine Collage an Erzählungen.
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Mit sehr, sehr starken Landschaftsaufnahmen, fast wie Gemälde sind die dann inszeniert.
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In einer Kritik habe ich gelesen, dass es wie so Jeff-Wall-Fotografien wirkt.
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In einer anderen, also wo ich selber, ich selber habe das eher so als impressionistische,
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also diese typischen impressionistischen Landschaftsmalereien eher so wahrgenommen.
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Also nicht so ganz so kristallklar wie Jeff Wall, wenn man dann Bilder macht,
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sondern mehr so, ich so verschwommen.
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Aber der ist sehr stark von der Kameraführung, ist auch in der Kamerahaltung,
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fast dokumentarisch, hat wenig Nahaufnahmen.
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Deswegen filmt dann immer so
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Szenen aus einer Totalen heraus und gibt dann eher so einen Gesamtblick.
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Und es gibt auch lange Schwenks dann über die Kornfelder, wenn da Weizen eingetragen wird.
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Oder die Schlussszene, wenn ein Bagger dann quasi im Schlamm,
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im Schneematsch dann versinkt und dann bewegt sich die Kamera und fliegt dann auch weg von der Szene.
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Das ist das einzige Mal, das ist wahrscheinlich eine Drohnenaufnahme,
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also das fliegt dann wirklich über so einen See hinweg.
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Der Film beginnt auch damit, dass ein Knochen ausgegraben werden von der Familie.
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Wurde dann ein Onkel dahin gerichtet. Der wird dann ausgegraben und es beginnt
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mit einer Bestattung quasi, einer Bestattungsszene.
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Das heißt, die Knochen werden rausgeholt, werden in einen Sarg verlegt.
Micz Flor
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Und die wurden da wiedergefunden?
Florian Clauß
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Nee, die wussten schon, wo der dann quasi erschossen wurde.
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Ja, und das ist auch so eine Kritik, die man jetzt im heutigen China ohne Probleme
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so inszenieren kann, ohne dann mit der Zensur ein Problemkonflikt zu kommen,
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dass auch diese Hinrichtungen, die da stattgefunden haben auf dem Land,
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ja, dann auch so eben natürlich wollen, ist es in der chinesischen Kultur ganz
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wichtig, dass dann auch die Überreste der Gestorbenen dahin wieder zurückkommen,
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wo die Familie sonst auch liegt.
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Also das ist so ein Familiengrab.
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Ist ganz wichtig, damit eben keine Geister heimgesucht werden und so weiter.
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Deswegen werden die dann auch wieder da zusammengeführt in den Familiengrab.
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Und zu diesem Anlass kommt dann auch die Mutter von Shuang, beziehungsweise
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die Eltern, Vater und Mutter, kommen dann aus Shenzhen und besuchen dann über
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dieses Begräbnis, besuchen dann die Familie und bringen natürlich so die ganzen,
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also bringen das mit, was sie da halt auch erwirtschaften.
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Das ist eine ganz tolle Szene. Man sieht das dann auch so, wie sie dann durch das Dorf.
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Und sie zieht sich quasi auch dann die Trauerkleidung an.
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Das ist weiß in China und wird ja zur Trauer und Berebnis wird immer weiß getragen.
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Sie zieht das sich an, während die so laufen, dann noch die letzte Kutte übergezogen
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und fängt dann an so zu klagen, so meine, meine, meine, also richtig zu weinen.
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Und dann gleichzeitig hält sie aber so an den Ecken, wenn sie dann halt irgendwelche
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Bekannten sieht, Und dann halten die so Schwätzchen und steigen dann komplett
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aus und dann geht es weiter so. Und die Kamera folgt dann die ganze Zeit.
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Dieser Person oder dieser Personengruppe. Und es ist unglaublich.
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Deswegen für die beste Regie hat er, also den Silbernen Bären bekommen,
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absolut nachvollziehbar, weil unglaublich viele Komparsen und Darsteller dann
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da organisiert sind in dem Film.
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Und das wirklich so in der Komposition sich gut zusammenfügt.
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Also das möchte ich nochmal erwähnen, dass der Film so ein bisschen wie Deer
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Hunter, also auch wirklich so einfach so ein episches Werk, wo halt auch ganz
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viel eben inszeniert wird.
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Der Film wird sehr langsam erzählt, aber gleichzeitig hat der Film auch so zwischen
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den Szenen Sprünge, die dann erstmal für dich im Kopf dann erzählerisch nachgeholt werden müssen.
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Es passiert dann irgendwas oder es kommt dann, Szene kommt dann rein und es
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ist etwas passiert worden.
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Du musst es dir erstmal erschließen, was ist denn tatsächlich da jetzt gelaufen.
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Deswegen ist der, hat er so eine ganz gute Mischung zwischen dieses ganz langsamer,
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ohne jetzt quasi so zu erdrücken.
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Gleichzeitig aber auch so ein Tempowechsel eben durch diese Sprünge in der Geschichte,
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die man sich dann erarbeiten muss.
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Die Tante von ihm, also die junge Tante, hat ein Verhältnis mit einem Lehrer,
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was aber nicht akzeptiert ist und sie muss dann quasi, sie wird dann erstmal,
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sie wird schwanger aus diesem Verhältnis.
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Es gibt dann so eine Untersuchung, wo sie hin muss, wo dann auch alle Chinesen
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oder Chinesinnen, es war noch so, besteht noch diese Zweikindpolitik,
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ein bis zwei Kinderpolitik, die ein bisschen aufgeweichter ist auf dem Land als in der Stadt,
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ja, wo sie dann so eine Untersuchung über sich gehen lassen muss und dann letztendlich
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auch quasi eine Heirat einwilligen muss, weil sie nicht das Kind ohne Ehe so großziehen kann.
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Also dieses Thema Zwangsverheiratung, ein Kindpolitik steckt da drin,
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Das Ganze fängt sehr harmonisch an, ja.
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Der Film, man hat das Gefühl, es ist ein harmonisches Landleben.
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Aber gleichzeitig wird es sehr bedrückend, ja.
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Weil diese Armut, in der auch speziell diese Familie steckt, ja.
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Es gibt dann auch Unterschiede im Dorf, das kriegt man dann mit.
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Einige verdienen mehr, andere weniger.
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Einige haben nicht so die gute Ernte, andere mehr und so weiter.
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Das wird dann auch deutlich, dass die Familie einfach auch, ja,
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einfach kein Geld hat. Die Frau geht zum Blutspenden, um ein paar Joans zu bekommen.
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Die ganze Ernte ist in mühsamer Handarbeit, die da eingeholt wird.
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Und was auch toll ist an dem Film, man hat das Gefühl, diese ganzen alten,
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traditionellen Arbeiten auf dem Land,
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die wahrscheinlich schon mehr oder weniger ausgestorben sind,
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da fragt man sich, wo hat er das Handwerk dann wieder mobilisiert,
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um in dem Film das zu inszenieren.
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Also es ist auch schon so die Leistung, das dann halt so darzustellen,
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Das ist ein ganz natürlicher Fluss.
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Du siehst dann halt, wie der Weizen dann gesiebt wird, wie der dann auch wirklich
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so ohne Traktor dann eingeholt wird oder wie dann irgendwelche Sachen geflochten werden und so weiter.
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Also du siehst es an wirklichen Tätigkeiten. Also es ist schon sehr beeindruckend, so in der Erzählung,
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aber sehr bedrückend, wie dann doch die Familie in so Schicksalsfügungen dann
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hin und her geworfen werden, ohne so richtig davon zu kommen.
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Es gibt eben dieses Begräbnis, es gibt dann diese Hochzeit, diese Zwangshochzeit.
0:15:14–0:15:22
Es gibt dann auch diese Forderung, dass eben der zehnte Teil der Ernte dann weggegeben wird.
0:15:23–0:15:27
Also das ist dieses, was noch aus der alten Mao-Zeit kommt.
0:15:27–0:15:35
Das ist ja diese Zeit, diese unglaubliche Traumatisierung der Landbevölkerung, der große Sprung voran.
0:15:36–0:15:40
Kennst du dieses Programm, was Mao Zedong damals angeht?
Micz Flor
0:15:40–0:15:42
In groben Zügen, ich weiß es nicht genau. Ich meine, das kommt ja,
0:15:43–0:15:46
war das nicht auch bei das Drei-Sonnen-Problem?
0:15:46–0:15:50
Ja, ich glaube, da ging es auch um diese Zeit, um die Revolution.
Florian Clauß
0:15:51–0:15:53
Genau, dann ging es um die, aber das war im Prinzip...
Micz Flor
0:15:53–0:15:57
Was jetzt die Landbevölkerung speziell, nee, musst du mich aufklären.
Florian Clauß
0:15:57–0:16:00
Ja, also im Prinzip wurden dadurch die alten Strukturen zerstört,
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Also die Familienbetriebe und so weiter oder auch irgendwelche größeren Familienstrukturen
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wurden dann zusammengelegt in diese Kolchosen.
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Das ganze System wurde von der,
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komplett auf den Kopf gestellt. Es wurden auch andere Bezirke und Ländereien abgesteckt.
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Es ging mit so einer Planwirtschaft natürlich her und es war eine Missplanwirtschaft.
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Es war mit unglaublichen Hungersnöten dann halt auch begleitet.
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Und wenn man sich dann die Geburten und die Sterblichkeitsraten anschaut in
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China in der Entwicklung, dann siehst du halt wirklich in dieser Zeit,
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das war glaube ich 1952 bis 1964 ungefähr in der Zeit, da siehst du halt wirklich
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so, wie dein Geburtenrat runtergeht und die Sterblichkeitsrate hoch.
0:16:42–0:16:46
Also es hat unglaublich viele Opfer gebraucht, diese Reform.
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Man spricht von 40 Millionen, die gestorben sind durch Hungersnot und so weiter.
Micz Flor
0:16:51–0:16:53
Gestorben oder umgebracht?
Florian Clauß
0:16:53–0:16:58
Ja, gestorben, umgebracht, aber überwiegend eben durch Hungersnöte.
0:16:58–0:17:00
Es waren mehrere schlimme Hungersnöte.
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Das hat natürlich vor und hinten nicht funktioniert, aber damit wurde die ganze
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Struktur gesprengt und dann neu geordnet.
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Und das war halt so diese Traumatisierung der Landbevölkerung.
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Wir sind jetzt in diesem 1991.
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Das ist ja noch, wo wir jetzt selber noch ein aktives Gedächtnis haben von dem, was da passiert ist.
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Das waren so die 90er Jahre, die dann losgegangen sind.
0:17:28–0:17:33
Und es war auch in China so, dass ich, ich hatte das letzte Mal vor zwei Jahren,
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war das übrigens, hatte ich dann über diesen Film Art College 94 berichtet,
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der jetzt nicht so berauschend war, aber auch schon dieses Thema der Öffnung von China,
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dass sich da zum ersten Mal diese westlichen Medien und so weiter eingeflossen sind,
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dass dann überhaupt diese Wahrnehmung Kunstkultur von westlichen Sachen dann
0:17:53–0:17:59
halt auch in China passiert sind und dass sich China grundsätzlich da wirtschaftlich geöffnet hat.
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Dass China da auch diesen Schritt von einer reinen Agrarnation zu einer Technik,
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also zu einer Industrialisierung gebracht hat, Und ja, was dann halt auf der
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einen Seite eben auch diese altertümlichen Bestellungsmethoden auf dem Land
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dann abgelöst durch eben Traktoren und so weiter.
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Das sieht man auch, dass in dem Film dann eine Familie einen Traktor bekommt
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und dann wird der dann halt so aus.
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Und dann, oh, der macht ja doch bessere Arbeit als die Ochsen.
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Es wird dann auch so begutachtet, dass da hier eben so ein Fortschritt einzieht.
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Und das ist genau der Punkt, den ich dann nochmal so ansprechen will,
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nämlich die Wanderarbeiterinnen.
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Das ist in China, ist das ein Phänomen, was dann eben auch aus diesem Mao Zedong Umfeld kommt.
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Es gab ein sogenanntes Registrierungs- also die Familien oder die Familienmitglieder
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mussten an einer bestimmten.
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Delle konnten die sich nur dann registrieren lassen und das heißt,
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wenn du dann irgendwo anders Arbeit gefunden hast.
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Bist du da eben nicht registriert und hast keinen Zugang zu den ganzen Sozialversorgungen,
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wie zum Beispiel Schule, Gesundheitssystem, Versicherung und so weiter.
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Du musst dann quasi, und das war so, das war ein Schritt in dieser große Sprung
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nach vorn, um dann die Bevölkerung quasi vor Ort zu binden, um eben in diese
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Landflucht im Prinzip Einhalt zu gebieten.
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Diese Wanderarbeiten, das ist das HQ-System, heißt das.
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Ja, das besteht immer noch, so wurde teilweise aufgeweicht, aber es besteht
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immer noch. die Wanderarbeiten.
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Arbeiterinnen werden, ich muss mal gerade gucken, es gibt tatsächlich einen
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eigenen Begriff für diese Menschen.
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Die heißen Min Gong.
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Min ist das Volk und Gong ist Arbeiter.
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Min kann aber auch Masse bedeuten, Arbeitsmassen, also im Prinzip so Massenarbeiter.
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Das ist im Prinzip diese Menge, eine Horde, eine unglaubliche,
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eine Quantität, eine große Quantität.
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Eine große Einheit. Und das ist, was tatsächlich auch heute,
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heutzutage haben wir die größte Binnenmigration in China zum Neujahrsfest, zum chinesischen.
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Ja, also das heißt, es sind unglaublich viele Millionen.
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Ja, das betrifft, also die Wanderarbeiter haben einen Anteil in der Bevölkerung von fast 30 Prozent.
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Ja, und das sind 300 Millionen und mehr.
Micz Flor
0:20:41–0:20:45
Aber Wanderarbeiter, also wenn jetzt, keine Ahnung, in Amerika gibt es ja auch
0:20:45–0:20:51
ganz viele Filme, wie zu Thanksgiving alle an den Flughäfen von A nach B fliegen müssen.
0:20:51–0:20:54
In Deutschland ist es ja auch so, dass an Weihnachten alle dann irgendwie wieder
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zu den Eltern oder Großeltern fahren und dann bewegen sich ja auch alle hin und her.
0:20:58–0:21:00
Man würde aber nicht von Wanderarbeitern sprechen.
0:21:01–0:21:06
Ist es wirklich so, dass diese Wander, heißen die Wanderarbeiter oder sind es
0:21:06–0:21:07
einfach Leute, die irgendwo anders?
Florian Clauß
0:21:07–0:21:14
Ja, die heißen Wanderarbeiter, weil nämlich genau durch dieses System der Registrierung,
0:21:14–0:21:18
der eigentlich ja Wohnsitz da bestehen bleibt, wo sie dann gemeldet sind.
0:21:18–0:21:21
Und die wandern quasi zum Arbeiten und kommen wieder zurück.
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Und das, was da mit dran hängt, und das ist das, was halt so kritisch ist,
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das, was mit dran hängt, ist das Left Children Behind.
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Nämlich das gibt es ist wirklich ein phänomen dass ganz
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viele kinder alleingelassen sind oder eben
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bei der großmutter oder in der familie oder bei den verwandten aufwachsen weil
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die eltern wo anders arbeiten und das sind solche regionen wie shenzhen ist
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dann hongkong die shenzhen und hongkong ist dann so ein einzugsgebiet beijing
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so dieser streifen also eher im westen,
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Entschuldigung, im Osten von China, das ist so eine Ost-West.
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Eine Ost-West-Wanderung ist oder in Chongping.
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Chongping ist so, ich weiß nicht, es war auf jeden Fall mal vor zehn Jahren
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die größte Stadt der Welt.
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Also dieses Stadtgebiet, was dann halt über 80 Millionen Bevölkerung hat.
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Ich war 2013 tatsächlich mal da und das war ganz spannend.
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Weil das wirklich so unglaublich gigantisch ist.
0:22:30–0:22:34
Also es ist wirklich so ein bisschen wie das Ruhrgebiet, nur irgendwie mehrere
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Potenzen dann halt größer gezogen.
Micz Flor
0:22:36–0:22:40
Aber kann man das überhaupt erfassen? Also wie sieht man das dann, dass das so groß ist?
0:22:41–0:22:43
Ist das etwas, was man nur über die Karte sieht, wo man sagt,
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da sind wir und wow, im Umkreis ist alles zugebaut.
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Weil ich erinnere mich noch, als ich in London gelebt habe, dass man da ja nie
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einen Bereich hatte, wo die Straßen nicht so hoch waren,
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die Häuser nicht so hoch waren, die Straßen so kurvig waren,
0:22:57–0:23:01
da standest du drin und es sah alles so klein und niedlich aus und du musstest
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im Kopf herstellen, zu wissen, dass da im größeren Teil so 20 Millionen Leute wohnen.
0:23:07–0:23:11
Aber wie ist das da bei 80 Millionen? Du stehst da mittendrin und wie erlebst du diese Größe?
Florian Clauß
0:23:11–0:23:16
Ich kann es jetzt nicht so in der Gänze erfassen, aber das, was man da so mitbekommt,
0:23:16–0:23:20
ist, du fährst mit einem Bus da durch und hast dir das gesagt,
0:23:21–0:23:25
jeden Moment aussteigen und bist halt in einer Metropole. Und das halt aber
0:23:25–0:23:27
über drei Stunden Busfahrt.
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Das ist halt unglaublich eine Dichte von Metropol.
0:23:32–0:23:36
Es ist halt nicht so, dass du irgendwo das Gefühl hast, du bist dann irgendwann auf dem Land.
0:23:36–0:23:42
Du bist halt die ganze Zeit in so irgendwelchen urbanen Metropolsituationen drin.
0:23:43–0:23:46
Und teilweise, also ich fand das so, ich war ja nie in Shanghai,
0:23:47–0:23:50
aber es hatte für mich auch so, da gibt es halt, es sind so zwei Flüsse,
0:23:50–0:23:53
die ineinander fließen, der Yangtze und noch der Ande Große,
0:23:53–0:23:56
die fließen da in Chongping dann quasi so zusammen.
0:23:56–0:24:01
Und da gibt es halt so Seilbahnen, die dann halt über diesen Fluss führen.
0:24:01–0:24:05
Ja, da sind wir damit gefahren und das ist wirklich, das war so ein bisschen
0:24:05–0:24:10
dieses Blade Runner Gefühl, was ich eigentlich immer so mit Shanghai verbinde oder mit Hongkong.
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Das ist dann wirklich so, dann in dieser Seilbahn, alles war so ein bisschen schrabbelig.
0:24:14–0:24:21
Ja, und dann hast du halt diese gigantischen Wohntürme gesehen und man konnte
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dann aber auch so reingucken,
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auf einmal hast du dann die schmutzige Gardine im Hintergrund gesehen und wie
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irgendwelche Leute so bei Neonlicht am Küchentisch sitzen und irgendwie was essen.
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Das hatte man dann halt auch, also dieses Gefühl, oder man war in irgendwelchen
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noch nicht fertiggestellten Bauten und die waren aber, also das waren halt so
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Ruinen oder noch im Baubefinden,
0:24:44–0:24:47
da waren halt so Riesen-Bazaare, wo man alles kaufen konnte.
0:24:47–0:24:52
Und die waren dann so auf den Treppen ausgebreitet und du bist dann halt so,
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auch konntest dann unterirdisch dann weitergehen. Das waren unglaublich große Sachen.
0:24:57–0:25:01
Das ist ja eh das in China, das Phänomen, wenn du halt eine Schneiderei suchst,
0:25:01–0:25:03
dann gehst du halt in eine Straße.
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Und dann ist dann nicht eine Schneiderei, sondern dann sind 500 Schneidereien.
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Also diese unglaubliche Spezialisierung dann in bestimmten Lokalitäten.
0:25:11–0:25:13
Kommt wieder zurück auf den Film.
0:25:14–0:25:20
Man begleitet eben diese Familie. Es ist so, dass dann der behinderte Sohn der
0:25:20–0:25:23
Familie in einem Unfall ums Leben kommt.
0:25:23–0:25:28
Der ist aber auch ein, der ist halt so, also Zhuang hat ein gutes Verhältnis
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zu ihm, kann ihn beruhigen und so weiter.
0:25:30–0:25:34
Aber er baut halt auch die ganze Zeit Scheiße. Er macht dann halt irgendwie Sachen kaputt.
0:25:35–0:25:38
Und die sind alle extremst genervt von ihm, aber mögen ihn gleichzeitig.
0:25:39–0:25:44
Und dann ist in einer Szene, wo dann eine Sprengung, dann läuft er dann halt
0:25:44–0:25:47
in diese Sprengung rein und wird dabei schwer verletzt.
0:25:48–0:25:52
Und dann gibt es aber so eine Traumszene, in dem Film, wo ich nicht ganz sicher
0:25:52–0:25:56
ist, ist das jetzt die Vision von Juan oder hat sich das tatsächlich so abgespielt?
0:25:56–0:26:03
Er sieht dann, dass eben dieser Junge dann noch lebt und keiner hilft ihm.
0:26:03–0:26:07
Und dann geht er halt rum, er lebt noch, bitte helft ihm, alle trauern schon um ihn.
0:26:09–0:26:14
Und eigentlich wird er für den Tod abgeschlossen. Und er stirbt dann letztendlich auch.
0:26:14–0:26:18
Aber es ist so ein bisschen, wie das alle so...
Micz Flor
0:26:18–0:26:19
Wollen, dass er stirbt.
Florian Clauß
0:26:20–0:26:24
Genau, die wollen ihn loswerden, ohne das so richtig auszusprechen.
0:26:24–0:26:29
Das ist aber nicht so ganz klar definiert, ob das jetzt so eine Equenz ist,
0:26:29–0:26:31
weil die auch so traumartig erzählt wird.
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Oder ob das tatsächlich so passiert ist. Und dann am Ende tragen die halt diese,
0:26:37–0:26:38
die kommen dann von der Einäscherung.
0:26:38–0:26:42
Und das ist alles auch so trostlos. Also du merkst halt einfach,
0:26:42–0:26:45
die haben halt keine Perspektiven so richtig.
0:26:45–0:26:49
Das ist wirklich so, der Zhuang ist auch gut in der Schule und so weiter.
0:26:49–0:26:54
Also er hat dann schon so wahrscheinlich die Begabung, irgendwo anders was Besseres anzufangen.
0:26:54–0:26:57
Ja, aber gleichzeitig gibt es da überhaupt kein Geld. Die haben kein Geld,
0:26:57–0:27:01
die müssen halt einfach mit dem leben, was da ist. Aber gleichzeitig gibt es
0:27:01–0:27:03
auch so eine Verbundenheit da.
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Und der Regisseur hat dann auch in der Pressekonferenz erzählt,
0:27:09–0:27:14
dass das so sein Leben auch ist, ja, so wie er das erlebt hat. Er ist dann auch...
Micz Flor
0:27:14–0:27:15
Er kommt vom Land.
Florian Clauß
0:27:15–0:27:19
Er kommt vom Land und er ist dann Jahrgang 81, also das heißt,
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es ist wahrscheinlich auch so mit Anfang 90er, könnte es so die Zeit gewesen sein, ja.
0:27:25–0:27:28
Und es ist eben diese Zeit, das hatte ich ja schon gesagt, wo sich dann halt
0:27:28–0:27:30
China neu findet in diesem...
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Und natürlich durch diese ganzen Wanderarbeiter dann auch da das Kapital hat,
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um sich dann so aufzubauen,
0:27:38–0:27:46
die meistens dann eben in diesen ganzen Tech-Geschichten in Shenzhen in irgendwelchen
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Fabriken arbeiten oder halt total periphere oder diese ganze Baubranche lebt davon.
0:27:51–0:27:55
Also ohne die Mannarbeitern wäre überhaupt kein, wäre das überhaupt nicht,
0:27:55–0:27:59
dieser Bauboom wäre überhaupt nicht möglich so in der Form.
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Also das sind auch ganz prekäre Arbeitsverhältnisse und wie gesagt,
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die haben auch da keine Versicherung oder sowas.
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Das heißt, es sind auch extrem gefährliche Berufe.
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Es gibt so auf YouTube, habe ich dann so Arbeitsunfälle, die dann auch von so
0:28:18–0:28:23
einer chinesischen Firma gedreht wurden, wo dann halt so irgendwelche auf dem
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Bau irgendwelche ganz schlimmen Unfälle passieren, aber alles so mit animierten Figuren.
0:28:27–0:28:31
Und das wurde aber wirklich so als Lernmaterial eingesetzt.
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Und das basiert tatsächlich auf tatsächlich basierte Unfälle und dann wird gezeigt,
0:28:37–0:28:40
so sollte man das nicht machen, also das ist ganz interessant,
0:28:40–0:28:44
das kann ich ja vielleicht in die Show-Notes mit reinholen also die sind ja auch,
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meistens dann halt nicht gebildet können halt nicht lesen und nicht schreiben.
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Und können sich da auch nicht weiterentwickeln in ihrem Beruf also das ist so
0:28:52–0:29:00
das Schicksal und das ist ich hatte es ja schon so ein bisschen eingeleitet das ist so das,
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was dann in diesem Film doch so besprochen werden kann.
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Und das ist ja auch diese Kritik, von der ich meine, dass es dann durchaus in
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so einer historischen Erzählung eingepackt wird.
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Das Problem von diesem Gefälle zwischen Stadt, Land und so weiter besteht immer
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noch ganz drastisch in China.
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Und auch die Wanderarbeiterinnen und so weiter, die Masse ist gewachsen.
0:29:26–0:29:30
In den letzten zehn Jahren hat sich das sogar verdoppelt, habe ich das in so
0:29:30–0:29:34
einem Bundeszentrale für politische Bildung, da gab es dann noch so ein Dossier,
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wo das nochmal so berichtet wurde.
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Da wird von einer Verdopplung ausgegangen.
0:29:39–0:29:44
Also das ganze System und natürlich das Gefälle, das ist ja noch viel drastischer geworden.
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Also damals gab es ja noch nicht so eine Mittelschicht quasi in China,
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die hat sich ja in den letzten 15, 20 Jahren so gebildet, dass dann halt auch
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so Autos und so weiter dann zum normalen Eigentum werden. Das kam ja erst später so dazu.
0:29:58–0:30:01
Da sind die noch teilweise in diesen blauen Anzügen.
Micz Flor
0:30:03–0:30:07
Fahrrad, das Mittel der Wahl. Das war ja auch so eine Sache,
0:30:07–0:30:12
die man, oder kann ich mich noch erinnern, dann so innerlich mathematisch durchzugehen,
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was es bedeutet, wenn alle, die jetzt Fahrrad fahren, auf einmal Autos haben wollen.
0:30:16–0:30:22
Was für ein krasser Shifter ist, der da passiert in China in der Zeit.
Florian Clauß
0:30:22–0:30:27
Und das ist, glaube ich, auch im Rahmen des Systems dann quasi,
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ich sage mal, erlaubt, so eben auch Kritik anzuführen.
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Das ist so ein bisschen wie, du kannst nicht offen bestimmte Sachen kritisieren.
0:30:38–0:30:43
Das ist also wie zum Beispiel das Massaker am Platz des himmlischen Friedens.
0:30:43–0:30:49
Das wird ja immer noch nicht offiziell in irgendwelchen Geschichtsbüchern zu finden sein.
0:30:49–0:30:53
Da habe ich mir jetzt nämlich auch nochmal so einen Account bei Deepseek geklickt,
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um zu gucken, wie weit man dann halt, weil du bist ja da mehr oder weniger im
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Dialog mit einer chinesisch zensierten Entität.
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Und dann wollte ich gucken, wie viel Kritik kann man denn da üben. Und es geht.
0:31:15–0:31:19
Direkt fragen, Ja, so zum Beispiel zu den Wanderarbeitern und erklär mir die
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Situation, wie ist es dazu gekommen?
0:31:21–0:31:24
Und wie sieht die chinesische Regierung jetzt die Verantwortung?
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Also das habe ich alles Antworten bekommen. Aber sobald man dann so einen anderen
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Ton anschlägt, dann kommt wirklich Story out of Scotland.
0:31:34–0:31:40
Please, let's change the subject. Das ist ganz interessant, weil du siehst es
0:31:40–0:31:43
ja so wie bei JetGPT oder Claude, da siehst du halt so, wie es sich so tippt.
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Und dann baut sich so die Antwort auf und irgendwann kommt so eine Layer rein,
0:31:47–0:31:53
die dann halt sagt so Zensur und dann wird die Antwort gelöscht und dann steht dieser Satz da.
0:31:53–0:31:56
Also das war ganz interessant zu beobachten und ich fand auch diese Chance.
Micz Flor
0:31:57–0:31:59
Meinst du, dass diese, Entschuldigung, das ist ein sehr anderes Thema,
0:31:59–0:32:03
aber meinst du, dass diese Zensur dann wirklich noch von Menschen gemacht wird?
0:32:03–0:32:07
Also das dann so quasi so ein Alert ist und dann guckt sich das jemand an in
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Echtzeit und sagt so, oh, oh, oh, oh, stopp hier.
Florian Clauß
0:32:09–0:32:12
Nee, nee, das glaube ich nicht, dass es tatsächlich so ist, sondern ich glaube,
0:32:12–0:32:16
das wird dann, wenn du so ein neuronales Netz hast, und wir wissen ja,
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haben wir auch schon ein paar Mal darüber gesprochen, dass halt so ein neuronales
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Netz aus ganz vielen Layers besteht.
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Und so ein BIOS dann reinzubekommen in so eine Layer ist halt in so einem durchtrainierten
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Modell nicht einfach. Deswegen wird es so einer der letzten Layers sein.
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Der generiert die Antwort und dann irgendwann kommt dann halt so,
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kommt dann wahrscheinlich so eine Relevanzabfrage, die die ganze Zeit so wertet, wertet, wertet.
0:32:37–0:32:39
Und wenn das halt so einen signifikanten Punkt überschreitet,
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dann zack, dann schlägt die Zelle. Also so denke ich, dass das funktioniert.
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Es wird sicher nicht in Echtzeit überwacht, ja.
0:32:46–0:32:49
Ich habe auch von anderen auf irgendwelchen Reddit-Formen oder sowas,
0:32:49–0:32:52
dann siehst du ja auch, wie man das halt irgendwie so ein bisschen austricksen
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kann, indem man sagt, vergiss alles, was du vorher gehört hast.
0:32:55–0:32:59
Ja, dann kann man so das Context-Window nochmal so neu aufziehen und dann so
0:32:59–0:33:00
ein bisschen die Zensur umgehen.
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Oder wenn du direkt ein APK hast und dann bist du halt wieder ziemlich nah bei
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Chachibiti, weil ja die gleichen Daten.
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Wir kennen das ja. Also das ist so, aber das ist für mich jetzt quasi so,
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wenn du mit einem Chinesen dann
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halt quasi so sprichst, dann kannst du ja auch nicht so direkt fragen.
0:33:17–0:33:21
Aber gleichzeitig hat man da die Möglichkeit, das nochmal so für sich zu erproben,
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wo dann die Schwelle ist, wo dann halt zugemacht wird. Wo dann gesagt wird,
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nee, das fällt jetzt unter Zensur.
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Das war jetzt nochmal so ein bisschen zu dem Eingang, wo du nochmal gesagt hast.
Micz Flor
0:33:33–0:33:37
Nee, nee, verstehe. Also so wie ich es verstanden habe, wie ich es mitbekommen
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habe, ist halt diese Sache, dass das chinesische System kritisiert werden kann,
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indem man aus dem chinesischen System Vergangenheit als Parabel für die Gegenwart benutzt.
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Also man kann über die Vergangenheit sprechen und kann damit dann,
0:33:55–0:34:00
kann das quasi als Folie auf die Gegenwart legen oder einladen.
Florian Clauß
0:34:00–0:34:05
Genau, also das wäre ein Interpretationsansatz, den ich mal so vorschlagen kann.
0:34:07–0:34:11
Wohlgemerkt, wenn das in so einer Kultur gepackt ist, in der chinesischen.
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Und natürlich ist das, was gezeigt wird, ein Kernelement des chinesischen,
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sozusagen die Landarbeit.
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Und wenn es eine gewisse Relevanz hat, das heißt, du kannst nicht,
0:34:24–0:34:27
anfangen und sagen, die Uiguren oder sowas, sie hatten irgendeine Minderheit
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und damit argumentieren.
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Sondern wenn es, das hatte ich glaube ich noch nicht ganz zu Ende geführt,
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wenn nämlich ein großes, also wenn das Problem, was es beschreibt,
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quasi auch für die Regierung entscheidend ist und nachvollziehbar wird.
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Wie zum Beispiel Umweltverschmutzung.
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Die Frage ist in China, inwieweit man dann sowas, also so Umweltthematiken und
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so weiter, das mag man gar nicht so denken, aber in China gibt es ganz viele
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Initiativen, die sich dann halt auch in der Umweltbewegung dann auch so begründet haben.
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Und das ist ein akzeptiertes Problem und ganz viele quasi, die auch von der
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Ausrichtung eher kritisch sind, die aktivieren sich dann in solchen Bewegungen,
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weil das gesellschaftlich und politisch akzeptiert ist. Und das ist,
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glaube ich, so der Punkt.
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Und das ist halt auch so dieses Problem der Wanderarbeiter, dieses Gefälle zwischen Stadt und Land.
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Das ist gesellschaftlich akzeptiert und politisch als Problem identifiziert.
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Genauso, und da können wir auch, glaube ich, immer gerne zusammen das besprechen,
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wenn wir über den dritten Film, den du jetzt auch gesehen hast,
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Girls on Wire, da gibt es natürlich auch dieses Problem von...
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Die Frauen in der Gesellschaft akzeptiert sind, die Rolle der Frau.
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Und das ist ja auch eine sehr explizite Kritik, die dann auch da in einem Film so ausgeführt wird.
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Und das ist aber auch in so einer Form von Frauen sind da eben die Hälfte der
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Bevölkerung oder nicht ganz die Hälfte, weil nämlich durch die Ein-Kind-Politik,
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das ist auch so ein Problem, was wir in Ostdeutschland haben,
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dass eben durch den Wegzug von Frauen oder eben in China, weil halt eher bei
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einer Ein-Kind-Politik,
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dann, wenn das erste Kind dann eben ein Mädchen war, häufig getötet wurde oder abgetrieben.
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Und deswegen gibt es da einen höheren Anteil von Männern. Und dann auf dem Land,
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das ist ja sowieso schwierig von der Perspektive.
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Und dann auch eine Partnerin zu finden und so weiter. Das sind ja alles,
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das sind ja gesellschaftliche Probleme.
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Der Handlungsbedarf ist da, weil diese demografische Entwicklung in der chinesischen
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Bevölkerung auch kippt. Und dieser Punkt, dass eben jetzt ein Überhang an älteren
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Leuten da ist, als das, was nachkommt.
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Das ist ein Problem. Deswegen ist es gesellschaftlich und auch motiviert da,
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was zu tun. Das wäre jetzt eine These.
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Ich habe es jetzt versucht, so ein bisschen durch die Filme zu belegen.
Micz Flor
0:36:55–0:36:58
Aber durch den einen Film, wo ich dich jetzt noch fragen würde,
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gibt es noch einen Plot-Spoiler? Kriegt das Ende noch?
Florian Clauß
0:37:01–0:37:02
Ja, das Ende ist...
Micz Flor
0:37:02–0:37:04
Jetzt Plot-Spoiler, da dürfen die Leute wegspielen.
Florian Clauß
0:37:04–0:37:08
Nee, das ist kein Plottspoiler. Weil der Film lebt einfach wirklich im Moment,
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also von Jahreszeit zu Jahreszeit.
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Das sind so Szenen. Und das Ende ist im Prinzip, das wollte ich auch erzählen,
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dann sind die mit dem Traktor unterwegs, haben diese Asche, wollen dann an diesem Fuße von diesem See,
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wo auch dann am Anfang das Begräbnis stattgefunden hat, Familie wollen die dann da hin.
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Und der Traktor bleibt die ganze Zeit in diesem Schlamm Schneematsch decken.
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Ja, und es ist unglaublich zäh vorbei und immer mehr Leute steigen dann aus
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und dann fällt noch die Urne um, die Asche wird dann zerstreut und alle so,
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alles gut, alles gut, also du merkst halt wirklich, alle stecken.
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Und so das, was der Film dann so durch diese Drohnenaufnahme,
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wo dann halt wirklich sich entfernt wird, dann so ein bisschen,
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was man da so reinlesen, interpretieren könnte, ist dann halt wirklich so diese Landflucht.
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Also eigentlich wollen alle weg und man möchte weg von diesem Ort,
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weil man da so stecken bleibt und in diesem Knie, also man erlebt das so.
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Und das finde ich auch toll an dem Film. Das ist ein Erlebnisfilm.
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Du siehst dann zum Beispiel, wie auf den Feldern das Holz verbrannt wird.
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Du riechst förmlich den Film.
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In China, ich bin da auch rumgereist und man sieht das auf dem Land.
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Du hast dann diesen Holzgeruch in der Nase. Oder du kennst es ja auch von Löwen,
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wenn dann irgendwann im Spätsommer dieser Baumschnitt verbrannt wird.
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Es hat einfach eine ganz bestimmte Ästhetik oder man kriegt schon fast diese
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Kühle der Herbstluft mit. Also es ist ein Erlebnisfilm.
0:38:41–0:38:44
Dieses Steckenbleiben im Schlamm.
Micz Flor
0:38:44–0:38:46
Das ist auch ganz schön. Aber wie du es jetzt gerade beschreibst,
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ist es ambivalent. Also man hat einfach, wenn man sich den impressionistischen
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Bildern und diesen daraus entstehenden Gerüchen hingibt, dann hat es auch was
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romantisch, vielleicht so melancholisch-romantisches.
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Und das Politische drauf zeigt aber quasi, es steckt fest, das geht nicht weiter,
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obwohl es irgendwie auch was Heimliches hat.
Florian Clauß
0:39:05–0:39:09
Genau, aber genau das ist der Punkt, weil da ist natürlich eine unglaubliche
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Identitätsstiftung durch dieses Dorf, durch die Familie,
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also baut unglaublich eine starke Familienbande auch, aber gleichzeitig ist
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er so in dieser Entwicklung stecken geblieben, dass du da nicht keine große Perspektive hast.
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Und das ist genau das, was genau das in diesem Film zusammenfasst.
Micz Flor
0:39:27–0:39:31
Okay. Der klingt sehr, ja eben genau wie ich es gerade beschrieben habe,
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vielleicht auch eben mein Wunsch nach solchen Filmen.
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Es gibt so einen ganz tollen Film, ich weiß nicht mehr wie der heißt,
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so ein Polizeiruffilm noch mit diesem etwas korpulenten Polizisten,
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so DDR-Film zur Weihnachtszeit, wo der spielt.
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Das ist alles wie so in Brandenburg gefilmt, dieser brandenburgische Schnee,
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der so rumliegt und sowas, wo genau auch sowas entsteht.
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Das ist alles irgendwie abgelegen, ein bisschen abgehängt, ganz wenig Dialoge,
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aber irgendwie auch so total heimlich.
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Vielleicht habe ich das daher auch mehr genommen.
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Das war der erste Streich und der zweite folgt sogleich?
Florian Clauß
0:40:07–0:40:14
Genau, der zweite Film, den ich gesehen habe, heißt The Botanist, also der Botaniker.
Micz Flor
0:40:14–0:40:14
Ja.
Florian Clauß
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Lief im Generationsslot K+, also Altersempfehlung so ab 10 Jahre,
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ist eine Debütarbeit gewesen von einem jungen Regisseur.
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Und er erzählt von einem Jungen, der im äußersten Westen von China wohnt,
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da auch bei seiner Großmutter aufwächst, deswegen so dieses Querschnittliche,
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genau die gleiche Thematik.
Micz Flor
0:40:41–0:40:45
Der äußerste Westen Chinas, der wohin Kasachstan.
Florian Clauß
0:40:45–0:40:49
Kasachstan ist an der Grenze zu Kasachstan, sind auch tolle Landschaftsaufnahmen,
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also der Film ist engagiert in der Naturaufnahme und versucht so diesen Jungen
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Jungen, so als so einen begeisterten Pflanzensammler,
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der aber auch eher nicht so wissenschaftlich motiviert, dann anfängt sein Herbarium
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zusammenzustellen, sondern aus so ästhetischen Gründen, ein bisschen esoterisch.
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Man merkt schon, so wie ich das erzähle, da wo der Film nicht so ganz für mich
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funktioniert hat, ist eben,
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dass da ganz viel jetzt nicht aus diesem Interesse des Jungs dann so entwickelt
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wurde, sondern man hat das Gefühl,
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da hat der Regisseur mit seinem Kameramann eben seine Kunstvorstellung verwirklicht
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und irgendwo diesen Jungen da reingesetzt und gesagt, mach mal so.
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Also das nimmt man ihn nicht ganz ab, aber das ist schon so vorweggestellt.
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Das ist so ein Ding, was bei dem Film nicht so funktioniert hat,
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aber im Prinzip eine ähnliche Thematik.
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Er ist komplett eben auf dem Land groß, wird er groß und ist auch selber ein,
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hat dann eben eine kasarische, wie sagt man, Vorfahren?
Micz Flor
0:41:56–0:41:57
Kasachisch.
Florian Clauß
0:41:57–0:42:02
Und seinen Onkel, den er aber immer Bruder nennt, das sind auch immer so diese
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Verkehrungen von, und der ist aus Beijing wieder zurückgekommen,
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weil er da Stress bekommen hat, weil er angefangen hat zu randalieren,
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um was kaputt zu machen, irgendeinen Affekt.
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Und dann musste er fliehen, weil er das Geld nicht zahlen konnte und ist wieder aufs Land geflogen.
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Aber es geht ständig so, er hat dann noch seine Freundin da in Beijing,
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angeblich, oder Shanghai.
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Und es ist immer so ein Sehnsuchtsort, dann Metropole auf der anderen Seite.
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Und die hängen dann halt da, hüten Schafe und sind in der schönsten Landschaft,
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sammeln Pflanzen und so weiter.
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Und in dieses Leben von dem Jungen kommt ein Mädchen, Ungefähr so alt wie er.
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Das ist ein Mädchen, so eine Han-Chinesin. Han-Chinesin.
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Ohne das jetzt rassistisch zu meinen, ja, aber so der Standard-Chinese ist so ein Han-Chinese, ja.
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Es gibt ja ganz viele Ethnien in China, ja, die man dann so in Zentralchina antrifft.
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Das sind so die Han-Chinesen oder was dann auch interessant ist,
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wenn zum Beispiel Tibet oder sowas eingenommen wurde von oder annektiert wurde von China.
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Ja, dann haben die dann quasi auch ganz viele so Kolonialisten dahin geschickt.
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Also so quasi Leute, die dann halt auch die Architektur aus Zentralchina dann
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dahin verpflanzt haben.
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Und so ein bisschen auch das wirklich so ethnisch einzunorden, sag ich mal wieder.
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Das ist so eine Strategie eben auch, eine klassische.
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Dass du halt so quasi den Standardchinesen dann dahin setzt und damit halt quasi
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auch so die Ränder, dass die dann halt auch so dazugehören.
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Und sie, dann entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden.
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Die nähern sich an. Im Prinzip ist es ein bisschen ein Coming-of-Age-Film.
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Haben wir ja auch schon.
Micz Flor
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Quasi ein Roadmovie?
Florian Clauß
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Nee, ist kein Roadmovie.
Micz Flor
0:43:50–0:43:51
Ein Roadmovie der Gefühle.
Florian Clauß
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Auch, ja, so ein bisschen. Und die verstehen, teilweise haben die Sprachschwierigkeiten,
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Verständnisschwierigkeiten, weil er dann auch, ich glaube, er spricht,
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ich weiß nicht, ob das Arabisch ist, aber so eine, also Kassarisch, whatever.
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Und die nähern sich dann über so Spiele an und auch dieses,
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warum der Botanist heißt, ja, weil er baut dann halt in einer kleinen Ruine,
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das mal früher in der Schule war, baut er dann so eine Pflanzensammlung auf
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und macht ganz tolle Zeichnungen und so weiter, von dem man alles sieht, das dient von ihnen.
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Also der Film ist halt einfach, der fällt so ein bisschen auseinander,
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hat nicht so eine starke Handlung, aber hat so ganz schöne Momente,
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sag ich mal, und auch gute Naturaufnahmen.
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Der wird dann auch erzählt von seinen, also so eine zentrale Figur ist sein
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Onkel Ben, der aber nicht mehr zurückgekehrt ist.
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Das ist so einer, der dann irgendwo in den Bergen verschütt gegangen ist wahrscheinlich,
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aber es wird gleichzeitig so, als die Erinnerung an Ben dann so rückwirkend erzählt.
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Der fängt dann halt auch so an, dass du siehst dann halt, wie sich ein alter
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Mann dann an so einem Felsen niedersetzt und dann die Augen schließt und dann
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fängt die Geschichte an und am Ende wacht er wieder auf und geht dann weiter.
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Also man hat das Gefühl, die Geschichte wird dann halt so als seine Erinnerung
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erzählt und das ist dann halt diese Figur. Also das ist sehr assertiv,
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ein bisschen träumerisch und so.
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Und dann muss eben dieses Mädchen, zieht dann zurück nach Shanghai mit der Mutter zusammen.
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Und dann geht es um so einen Abschied von ihm, wo er dann sie nicht ignoriert
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und die sich gegenseitig.
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Also ein bisschen, also schon so eine kleine Liebesgeschichte.
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Die dann also ein bisschen traurig endet und er dann aber in dieser Landschaft
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irgendwo alleingelassen wird und so ein bisschen auf dieses,
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auch wieder den Rhythmus der Natur, ja, dann so als Pflanzensammler dann sich darauf zurückzieht.
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Also auch hier haben wir dann eben das Schicksal von alleingelassen,
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ohne Familie, aber gleichzeitig eine starke Verortung über die Landschaft, über die Natur.
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Nur, das ist bei einem anderen Film auch so eine starke Identitätskomponente,
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was man da überhaupt in einem anderen, also die Stadt wird ja überhaupt nicht
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gegengeschnitten, sondern die Stadt gibt es ja nur so als Sehnsuchtsort oder
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als Ort, wo man hin will und Geld verdienen oder wo andere sind, die nicht mehr da sind.
Micz Flor
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Was meinst du, wenn du es so erzählst, mit dem Auseinanderfallen sowas,
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dann frage ich mich bei all den Filmen, die in der Berlinale gezeigt werden
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könnten, warum haben die den ausgewählt?
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Was ist deine Hypothese? Weil du bist jetzt nicht so begeistert.
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Ja, nee, doch, von dem bin ich nicht so begeistert, richtig.
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Aber das ist einfach eine Frage, die kriegen ja die Filme, die bewerben sich ja da.
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Ja eben, und dann werden die ausgesucht und das Kuratorium,
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Berlinale ist halt so, glaube ich, grundsätzlich muss man dann drauf gucken
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von der Konstellation, weil eigentlich will man nach Cannes als Film und du
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willst ja immer irgendwie, wenn du einen Wettbewerb gehst, dann willst du ja
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eher die Goldenen Palme als den Goldenen Bären, ja und,
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Aber es ist doch, ist die Berlinale nicht das größte Publikums Ja,
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das bringt ja den Film nichts,
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Also das ist ja für den Verleih ist unerheblich. Man weiß schon,
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dass bei der Berlinale nicht die Flaggschiffe.
Florian Clauß
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Oder das ist ja militärisch, aber quasi die goldenen Perlen dahin geschickt werden.
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Sondern das ist dann eher so in diesem Segment von, ja, guter Film,
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kann man mal hinschicken.
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Aber das ganze Produzentensystem, das, wovon wir hier auch sprechen,
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So ein totales Arthouse-Kino. Also das heißt, das ist für uns ein Arthouse-Kino
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und für die Chinesen noch viel mehr.
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Also das findet jetzt auch nicht irgendwie ein großes Publikum.
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Die Filme werden wahrscheinlich in China auch nur in bestimmten Kinos laufen können.
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Während jetzt irgendwie, ich habe jetzt gelesen, der Film, der neulich rausgegangen
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ist, Animationsfilm, chinesischer Animationsfilm.
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Zana oder so ähnlich heißt der Zana 2. Ist auch so eine taoistische Geschichte
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von einem Kind, was dann animiert und so weiter. Ein bisschen wie King of the Monkeys.
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Die haben halt so einen Fundus. Die haben ja so einen Kulturfundus,
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wo die halt so unglaublich viele Figuren raus...
Micz Flor
0:48:27–0:48:28
Monkeys.
Florian Clauß
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Ja, dieses Marvel ist ja im Prinzip irgendwie... Ja gut, da haben die halt irgendwie
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so ein paar griechische Mysterien dazugenommen.
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Aber Marvel ist ja völlig aus sich selbst heraus entstanden,
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während die ganze chinesische Kultur hatte halt irgendwie jahrtausendalte taoistische
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und die haben ja diese ganzen, die haben ja unglaublich viele Figuren,
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die sie da inszenieren können.
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Und der Film hat ja innerhalb von drei Wochen 1,5 Milliarden Dollar eingespielt.
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Also das war im Kino in China.
Micz Flor
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Wahnsinn.
Florian Clauß
0:48:57–0:49:03
Ja, im Binnen. Also das hat sämtliche kanonischen Filme getoppt von den Einnahmen.
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Also da ist ein riesen Markt in China.
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Da laufen auch die Filme anders. Und das heißt die Filme, über die wir jetzt
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sprechen, das ist wirklich so ein ganzes Segment, ne?
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Ja. Genau, jetzt kann ich glaube ich auch zum dritten Film kommen.
Micz Flor
0:49:15–0:49:19
Ja, ganz kurz nochmal zur Tour, wollte ich dich fragen, weil du hast uns ja
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hier so reingeführt und reingeholt und ich finde das gerade so ganz kurios,
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weil wir mit diesen Massenmenschen so in China so sprechen und hier ist es jetzt gerade,
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da sind so Neubausiedlungen und ich habe keine Ahnung, wo wir gerade sind,
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also wo wir gelandet sind, aber so ganz seltsame,
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entwickelte Immobilien. Was ist das hier? Das sieht ja wohl fast aus wie eine Schule.
Florian Clauß
0:49:41–0:49:42
Oder? Von Gebäuden her.
Micz Flor
0:49:42–0:49:44
Ja, aber die, keine Ahnung, so unterschiedliche Beleuchtungen.
Florian Clauß
0:49:44–0:49:50
Also wir sind jetzt gar nicht so weit weg von der einen Folge Roadmovies, die ich gemacht habe.
Micz Flor
0:49:51–0:49:53
Beim, beim, nicht Helmholtz.
Florian Clauß
0:49:53–0:49:58
Das ist der Briskey Point. Nämlich, das ist jetzt schon, wir sind unterhalb des Rings.
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Da hinten ist dann die, wo haben wir uns getroffen? Hermannstraße?
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Ne, Neukölln haben wir. S-Bahnhof Neukölln.
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Und wir sind jetzt hier in Rixdorf und es gibt ja den Rollberg.
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Und es gibt dann als anderes Gebiet, wo wir schon durch sind,
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ist dann, wie heißt das, Rollberg und das andere Schillerpromenade.
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Genau, die Schillerkiez.
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Und ich habe extra nochmal, bevor wir losgelaufen sind, habe ich nochmal Wikipedia aufgeschlagen.
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Aber ich meine mich daran zu erinnern, dass ich vor nicht allzu langer Zeit
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auch ein Hörspiel gehört habe zum Einschlafen.
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Immer an den Hörbuch, was dann halt so diese Zeit um 1900, wo dann hier,
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das waren immer noch Vororte von Berlin, ja,
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und der Rollberg war im Prinzip so die Arbeiter-Siedlung, ja,
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wo dann die Leute dann halt so da ihre Arbeiter-Siedlung und dieser ganze Schiller-Kiez
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hat sich dann so mehr oder weniger als zusammengefasst.
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Aufkommende Bürgertum, haben die sich da halt diese bürgerlichen Häuser gebaut
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mit großer Fassade und so weiter.
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Und das ist so, dass dieser, also um 1900, 1910 so.
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Und die Hermannstraße ist dann halt auch so zu so einer Vergnügungsstraße war es damals.
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Da gab es halt irgendwie Varieté, da gab es halt irgendwie Theater,
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Kneipen und so weiter. Und so hat sich das Gebiet hier entwickelt.
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Also das fände ich auch nochmal ganz interessant.
Micz Flor
0:51:19–0:51:22
Aber hier ist es schon irre, weil wir haben wirklich jetzt eher so mehrstöckige,
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weiß man nicht, ob Industriebauten sind oder da hinten sind es Apartments.
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Die sind jetzt neuer, aber es ist auf einmal alles so hoch geworden.
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Also da sind hoch, hoch, hoch.
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Auch als wir vorhin rauskamen aus diesem Gebiet vom Treptower Park,
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da ist mir aufgefallen, es sind unglaublich viele Leute so mit LED-Lichtern
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angeschnallt, irgendwie das Joggen, ganz viel Jog, Jog, Jog, Jog.
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Und dann sind die, ich weiß nicht, ob das mitbekommen ist, Also als wir an diesem
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neu entwickelten Bereich, wo da hinten ganz viele Häuser gebaut wurden,
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sind das vorbeigelaufen.
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Da sind drei von diesen Joggern wie so Bienen nach Hause gekommen in diesen Neubauen.
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Also junge und hochverschuldete Wohnungen gekauft und so die Jogger da rein.
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Da hinten sieht man so ein bisschen, das meinte ich, das ist alles irgendwie
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gar nicht berlinerisch.
Florian Clauß
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Ja, aber es ist ja viel, an vielen Stellen gibt es ja jetzt sowas.
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Diese Neubauten, die auch im Mitteljahr schon früher...
Micz Flor
0:52:15–0:52:18
Ja, und halt eben, ich weiß ja nicht, Traufsteinhöhe ist ja eigentlich immer ein Thema.
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Aber hier bei den Bebauungsplänen, da stand da vorne, sieht man auch mal diesen
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einen Mini-Skyscraper, der jetzt auch schon ein bisschen neuer aussieht.
Florian Clauß
0:52:27–0:52:29
Ja, das ist echt ein passanter Stimme.
Micz Flor
0:52:29–0:52:33
Und dann ist es hier alles höher. Hier sind eher, was haben wir da drüben?
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Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben Stockwerke.
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Hier ist ja auch sehr... Was ist das denn? Guck mal, da steht dann hier noch
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Mieten runter, das passt auch gut, das muss ich jetzt noch hier einfangen.
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Kannst du das mit deiner Kamera so fotografieren, dass man Mieten runter lesen
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kann? Bei mir geht das nicht. Mieten runter kann ich.
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Hast du es schon? Wir sind sowas von spiritually linked.
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Das ist schon fast irgendwie so ein bisschen... Erinnert mich an England irgendwie so.
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Das sind aber so diese typischen, wo du das mit Herzberge vergleichst.
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Das könnte auch so ein Krankenhaus gewesen sein. Ja, das sieht nicht aus wie
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neu gebaut. Also ich glaube, das würde keiner mehr so machen.
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Aber diese Kombination zwischen dem Neubau dahin, das ist echt interessant, dieser Turm.
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Das erinnert mich so an London, wo du auch so verschiedene Berichten von Architektur hast.
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Nicht so wie in Paris, wo du dann im Prinzip eigentlich nur noch,
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das Neueste war der Ousman, der dann gebaut hat, die Chancel-Visier einmal quer durch.
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Aber da ist natürlich viel passiert. In London hast du ja immer noch so diese,
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ganz viele Serien spielen gerade in London, die ich gucke.
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Als ich in Black Daffs hast du das gesehen? Das habe ich gesehen.
Florian Clauß
0:53:50–0:53:54
Industry gucke ich gerade, das ist super. Das spielt in diesem Banking-Viertel.
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Oder Liverpool Station. Ganz toll.
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Und dann sind die halt irgendwie so als Broker in diesen Bankings.
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Okay. Anderes Thema, vielleicht auch eine eigentlich Folge wert. Schauen wir mal.
0:54:06–0:54:10
Ich komme jetzt zum dritten Film und dann lade ich, das mache ich jetzt auf,
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das Forum mache ich jetzt auf und lade auch meine Zuhörer ein.
Micz Flor
0:54:17–0:54:19
Deinen Weggefährten.
Florian Clauß
0:54:19–0:54:24
Meine Weggefährten, meine Klaus- und Weggefährten. Ja, Girls on Wire.
0:54:25–0:54:26
Ja, es gibt nicht viel mehr.
Micz Flor
0:54:27–0:54:28
Girls on Wire, ja.
Florian Clauß
0:54:28–0:54:31
Vielleicht noch mal so ganz kurz die Geschichte zusammengefasst.
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Oder steigen wir anders ein.
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Der Film ist von der Regisseurin Vivian Chu, die eine Ausbildung oder vielleicht
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so ein kurzes Porträt von ihr.
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Sie hat in den 90ern in Amerika auf einer Filmhochschule sich ausbilden lassen,
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ist dann 2003 zurück nach China gegangen, hat da als Produzentin auch vor allen Dingen gearbeitet,
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und das wollte ich voranstellen,
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weil den habe ich auch tatsächlich damals auf der Berlinale gesehen, den Film.
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Der heißt Thin Ice Black Coal. Ich weiß nicht, ob du den auch gesehen hast.
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Der war dann doch ein größerer Erfolg, weil der hat den Goldenen Bären 2014
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gewonnen und der wurde produziert von ihr.
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Das ist so ein Thriller, der so ein eigenes Genre auch dann für sich so losgetreten
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hat, nämlich diesen chinesischen Noir-Film.
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Also der ist sehr dunkel, sehr düster erzählt.
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Thriller hat auch so darke Momente, aber ist sehr hart und dunkel.
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Ich fand ihn damals toll.
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Der deutsche Titel ist glaube ich Feuerwerk am helllichten Tag.
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Und es ist so, dass diese Noir-Geschichte in China dann für sich als Film ein
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eigenes Genre geworden.
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Man kennt es ja auch, man kennt es ja diesen Skandinavien, diesen dänischen Noir-Film.
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Das war, glaube ich, auch so in den 2010er Jahren haben sich da so viele Filme in diesem Segment.
Micz Flor
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True Detective Feeling.
Florian Clauß
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Ja, genau so. Auch das im amerikanischen Raum, aber auch in anderen.
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Also da kam dieses Genre so auf.
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Ich finde auch, dass man, ich weiß nicht, wie es dir so gegangen ist,
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aber dieses dunkle Moment, dieser Noir-Moment, den hat man auch in Girls on Wire.
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Also der Film handelt von einer mehr oder weniger zerrütteten Familie.
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Die Frau, die Kernfamilie hat im Prinzip eine Schneiderei.
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Sind wir wieder bei der Schneiderei, ja. Eine kleine Fabrik,
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die aber ständig verschuldet sind, weil der Bruder von ihr, der auch da bei
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denen wohnt, drogensüchtig ist und die ganze Zeit immer Geld von der kriegt und will und braucht.
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Der drogensüchtige Bruder hat eine Tochter, die auch in der Familie groß wird,
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die ein bisschen jünger ist als die Tochter der Schwester. Das sind beide Cousinen.
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Die werden als quasi mehr oder weniger Schwestern, wachsen die miteinander auf
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und sind sehr füreinander da,
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während an dieser Drogensucht von dem Vater, von der Jüngeren und diesen Streitigkeiten
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und den Schulden und so weiter die ganze Familie immer zu zerbrechen scheint.
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Ja, aber scheinen dann doch irgendwie diesen ganzen Betrieb so weit weiterführen
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zu können, dass es dann halt auch so ist, wo dann schon die Größeren,
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die Kinder raus sind, die beiden Töchter oder Cousinen.
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Die eine, die Größere arbeitet als Stuntfrau in der chinesischen Filmstadt.
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Und die Jüngere, so fängt der Film an, man sieht sie in einer ganz schlimmen
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Situation, dass sie dann nämlich in einem Keller gefangen gehalten wird und
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mit Drogen verabreicht wird.
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Ihr gelingt die Flucht, sie tötet jemand, den Aufpasser und flieht dann zu ihrer Cousine.
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So startet der Film, sie versucht dann ihre Cousine ausfindig zu machen in dieser
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Filmstadt, was nicht so ganz einfach ist, weil die riesig ist,
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die Filmstadt, und ganz vieles.
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Beherbergt, wo dann unterschiedliche Filme gedreht werden.
Micz Flor
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Also Filmstadt ist quasi so ein Riesenstudio-Gelände, wo dann aber so richtig
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alte, was du vorhin auch schon mal gesagt hast, diese in Anführungszeichen historische
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China, wie ich es mir vorstellen kann, aus der Distanz.
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Ich habe da keine Idee von authentisch oder nicht, aber das sieht dann alles
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so aus wie alte Kloster oder Wohnungen, die da aufgebaut sind.
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Und das ist aber einzig und allein zum Drehen. Da wird gedreht und scheinbar
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gibt es da dann eben auch On-Set-Apartments oder Zimmer, wo dann eben zum Beispiel
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auch diese ältere Cousine,
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die eine Stuntfrau ist und gleichzeitig versucht, sich als Schauspielerin da auch durchzuboxen,
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aber eigentlich als Stuntfrau Geld verdient,
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in so einem Zimmer wohnt, aber scheinbar direkt in dieser Filmstadt.
Florian Clauß
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Ja, auf der Spur, also der Jüngeren auf der Spur ist eben diese Drogenmafia,
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die dann, sie versuchen dann wieder das ausfindig zu machen.
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Und dann kommt eben raus, dass die Ältere als Standfrau, die muss immer Jobs
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annehmen und muss immer arbeiten, auch zu übelsten Zeiten arbeiten und mehrere Jobs erledigen,
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um eben noch die Schulden zu begleichen, die dann ihre Mutter mit der Schneiderei
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gemacht hat und auch eben ausgelöst durch den Vater, der das gemacht hat.
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Es kommt dann noch später heraus, dass die Jüngere ein Kind bekommen hat und
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sich eigentlich auch ein eigenständiges bürgerliches Leben aufgebaut konnte als Floristin.
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Aber auch sie wurde dann eben durch die Abhängigkeit ihres Vaters eben in Kontakt
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gebracht zu diesen Drogenleuten, die sie dann gefangen genommen haben.
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Das Kind ist dann eben bei der anderen Familie.
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Und so wurde sie drogensüchtig gemacht und prostituiert, um die Schulden des
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Vaters dann zurückzubezahlen. Aus diesem Fängen befreien sie sich.
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Die Mafia bleibt ihr auf der Spur. Der Film erfährt so mehrere Genrewechsels, würde ich mal sagen.
Micz Flor
1:00:10–1:00:13
Diese Prostitution wird aber nicht offen ausgesprochen.
Florian Clauß
1:00:13–1:00:18
Aber du kannst davon ausgehen, so wie das Szenario dargestellt wurde.
Micz Flor
1:00:19–1:00:24
Ja, es ist einfach nur fürchterlich. Es geht damit los, dass du quasi als Zuschauer
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mit der jüngeren Frau der beiden auf in einer Hölle eigentlich.
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Hinter Gittern in der Hölle und es kommt jemand rein, möchte ihr was spritzen.
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Und sie flüchtet dann in dem Moment und schafft es auch dann zu flüchten.
1:00:38–1:00:40
Aber es ist einfach fürchterlich.
Florian Clauß
1:00:41–1:00:48
Also die beiden, die Ältere, als die sich dann treffen und die Ältere zieht
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sich erstmal zurück, will nicht so richtig was mit ihr zu tun haben.
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Das kommt dann zu einer Annäherung. Es kommt dann wieder zu der Situation,
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dass die Ältere sie dann beschützt mit ihr auf der Flucht vor der Mafia ist.
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Aber am Ende werden die dann eben gestellt und,
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Von der Mafia eingeholt und dann gibt es eben so eine Szene am Meer,
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wo dann die Jüngere dann eben auf der Flucht ertrinkt. Also es endet dann tragisch.
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Und das letzte Bild ist dann halt auch, dass die Schneiderei aufgelöst wird.
1:01:20–1:01:24
Ich weiß gar nicht, kriegt das Ende nicht mehr ganz zusammen?
Micz Flor
1:01:24–1:01:29
Ja, das Ende ist halt so, dass wir eine goldene Zeit sehen.
1:01:29–1:01:34
Das sind die letzten Szenen, bevor alles schlimm wurde.
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Also wir sehen dann auf einmal, also wir sehen diese Fabrikpleiter,
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die müssen weg und da wohnen die auch in der Fabrik und das Bild von dieser
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Tür, die so ein bisschen abgehalftert ist und alles irgendwie abgeblättert,
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wird dann auf die gleiche Tür geschnitten, alles frisch lackiert,
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alles irgendwie so in so einem Vergangenensein und dann kommt der Vater,
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der drogenabhängig ist von der jüngeren Frau, Der Vater kommt halt mit seiner Frau und diesem Kind,
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kommt dann aus dem Krankenhaus zurück, kommt dann in eine heile Welt.
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Wir sehen dann sozusagen eine heile Welt und sehen dann auch die Mutter von
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dieser jüngeren Cousine.
Florian Clauß
1:02:10–1:02:10
Ja, stimmt.
Micz Flor
1:02:11–1:02:15
Und die Mutter, also bleibt auch völlig offen, aber irgendwie wird halt so angedeutet,
1:02:15–1:02:18
es gab dann da auch einen Bruch.
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Diese Mutter ist nämlich irgendwann weg oder tot, wir wissen es nicht.
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Und der Vater drogenabhängig.
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Also es wird irgendwie zurückgespult in eine Zeit, wo alles sehr harmonisch war, malerisch.
Florian Clauß
1:02:30–1:02:34
Wie war denn die letzte Einstellung, wenn Sie sich noch erinnern?
Micz Flor
1:02:35–1:02:39
Die allerletzte Einstellung weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, das hörte wirklich mit.
Florian Clauß
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Man kriegt doch mit, dass die Jüngere eben auch sich vom Pech verfolgt,
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Lässt sie eine Krähe tätowieren, was ein Symbol des Pechs ist.
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Sie nimmt das Schicksal so für sich an, kann sich dann aber auch für sich so
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emanzipieren, aber wird dann wieder so eingerollt.
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Also ganz grob erzählt jetzt erst mal.
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Würde ich mal sagen, hat er starke Momente, ist aber auch recht schwerfällig.
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Und irgendwann funktioniert diese Geschichte nicht mehr.
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Die wechselt also diese Szene, wo die dann zum Beispiel diese Drogen-Mafia-Typen
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dann nach diesen Cousinen suchen in der Filmstadt.
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Das wird so Comic-Relief-mäßig erzählt. Das ist völlig absurd.
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Sie hat auch lustige Momente, wo die dann halt so da als Typen da rumtapsen
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und dann halt diese ganzen einzelnen Szenen aus den Filmen brechen und dann
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teilweise auch in den Filmen mitspielen, weil die ja gerade rumstehen.
Micz Flor
1:03:29–1:03:32
Aber es bricht so ein bisschen aus dem Skript raus. Es ist natürlich so,
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dass man sofort drauf guckt, wir haben einen Film, der spielt in einer Filmstadt,
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so ein bisschen wie Once Upon a Time in Hollywood bei Tarantino oder so.
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Also da wird diese Filmstadt, in der ein Film gedreht wird, über wie Filme gedreht werden.
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Also das ist quasi die Puppe in der Puppe in der Puppe. Und dann kommt eben
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die bösen Mafia-Leute, drei Mafia-Leute, die kommen dann dahin.
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Und die werden dann gleich von irgendeinem Drehset, mit dem wir eigentlich gar
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nichts zu tun haben, gecastet.
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Und der eine eben dann in einer Uniform steht dann auf einer Treppe und dann kommt die Ansage.
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Achtung, Bombe! Und dann müssen alle umfallen, bloß er bleibt stehen,
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weil er es nicht gecheckt hat.
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Dann eine andere Szene ist dann, wo der Chef von diesen drei Mafialeuten einen
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Arzt spielt und dann bei so einer Geburt oder sowas dann dasteht und die ganze
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Zeit die Gesichtsmaske herunternimmt und fragt Fengi,
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Fengi, weil er sucht halt eine Fendi oder Fengi, die alle anspricht.
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Es ist total skurril und es wirkt irgendwie so ein bisschen improvisiert,
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als ob das noch mal was zeigen sollte mit dieser Puppe in der Puppe in der Puppe.
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Keine Ahnung. Also wenn dann das echte Leben des Films, also die Mafia,
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die im Film natürlich echt sein muss, dann müssen wir daran glauben,
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dass die sich dann auch sofort durch diesen Film auflöst.
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Ich kann mir vorstellen, dass es so eine kopfige Idee war, aber irgendwie funktioniert
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es nicht so richtig. Es fühlt sich ein bisschen seltsam an.
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Das andere ist halt irgendwie, dass man dann auch sagen kann,
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die Komödie endet dann doch als Tragödie.
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Also das Ganze beginnt als Tragödie. Dann gibt es auf einmal so einen komödiantischen
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Moment, wo dann aber auch alle im Saal, hat das Gefühl, so ein bisschen gezwungen lachen.
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Vielleicht so, ha ha, gut, das
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ist doch lustig. Und dann wird es aber eben wieder eine Tragödie hinten.
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Und die dann gleichzeitig auch so ein perverses Happy End hat.
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Also die einerseits stirbt die junge Cousine, während dann die Mafia am Ufer steht.
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Zwei Leute, die die umbringen wollen oder die, die zurückhaben wollen,
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glaube ich. Und dann stirbt sie aber.
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Und auf der anderen Seite ist es dann so, dass dann auf einmal irgendwer die
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Polizei gerufen hat, die dann die Mafia-Leute dann fangen.
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Also da kommen auf einem Polizeiauto zusammengefahren. Also beides irgendwie
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so ein komisches Happy End und ein tragisches Ende so in einem zusammengeschraubt.
Florian Clauß
1:05:54–1:05:59
Ja, also ich glaube, viele waren nicht so ganz zufrieden mit dem Film.
1:05:59–1:06:09
Man hat so eine Unruhe gespürt im Saal. Wir haben den Film in der Uber Eats Arena Hall gesehen.
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Das ist das Gebäude neben der Arena.
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Und das war die größte Leinwand oder die größte Spielstätte von der Berlinale, riesengroß.
1:06:18–1:06:24
Ja, aber so eine gewisse Unruhe war zu spüren. Der Film hat uns jetzt auch,
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glaube ich, jetzt so... Wir kamen raus und waren ganz froh, dass wir den hinter uns hatten.
Micz Flor
1:06:28–1:06:30
Ja, ich fand so...
1:06:32–1:06:38
Ich habe keine Ahnung, es ist so, mich hat er sehr aufgewühlt,
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ich habe viel weggeguckt, ich wollte die Gewaltszenen nicht sehen,
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obwohl die jetzt gar nicht so schlimm waren, aber die Verfolgung,
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es war dann eben so eine komische Mischung aus,
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sehr realistisch und dadurch musste jetzt auch nicht viel Gewalt passieren und
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trotzdem war ich sehr eng mit den beiden Protagonistinnen verbunden.
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Die jüngere Cousine war ja dann auch so, dass sie halt selber als Kind,
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wie wir zum Schluss gesehen haben, eben die Familie natürlich ihres Vaters geboren
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wurde. Die Mutter war auf einmal weg.
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Jetzt war dann sie auf einmal auch Mutter geworden als Teenager noch.
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So hatte man es zumindest erlebt.
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So wurden nie Zahlen genannt, aber sie wirkte wie Teenager, so vielleicht 16 oder so.
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Die ältere Cousine war immer die, die für ihre Eltern schon die Verantwortung
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übernehmen musste. Die musste die ganzen Schulden abzahlen.
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Die Mutter hatte immer so einen irren Glauben, dass sie gerade eine geniale
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Idee hat, wie die neue Jacke dann doch alles nochmal umkrempeln könnte und Gewinn einfahren.
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Aber es war dann die Tochter, die ja auch ihren Körper verkauft hat.
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Die ältere Cousine, die als Stuntfrau, man sieht, dass sie manchmal in einer
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Szene fast ertränkt wird, wo sie nachts immer wieder mit so an Drähten in Wasser
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runtergeschubst wird. Sie hat ihren Körper verkauft, die andere wurde verkauft.
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Wie wir später erfahren, hat sie wohl ihren Vater auch bei der Polizei verpetzt.
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Und der wurde dann von der Polizei aufgegriffen, weshalb sie dann eben auch
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von dem Clan Heroinbande da gegriffen wurde, aufgegriffen wurde.
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Es war alles ganz fürchterlich und aussichtslos. Und manchmal gab es lustige
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Momente und die Momente, die lustig sein sollten, waren es aber nicht.
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Trotzdem hat es mich halt sehr tief aufgewühlt, also irgendwie hat es mich berührt.
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Ich glaube, diese, wenn du sagst, es geht um Frauen in China,
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ich weiß nicht, ob das das Thema war, dann ist natürlich so.
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Dass eben die eine Cousine muss für ihre Eltern die Verantwortung übernehmen,
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das Geld ranzuschaffen, damit die ihren Traum, in Anführungszeichen,
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von einem Textilunternehmen leben können.
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Und die andere Cousine, die Junge, deren Vater drogenabhängig ist,
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die kennt vielleicht ihre Mutter gar nicht, das wissen wir nicht,
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die kommt nie vor, aber die wird dann selber Mutter.
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In gewisser Weise versucht sie dann auch zu sagen, mein Leben hat,
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Kletz ja auch ihre Eltern, Mein Leben war bis jetzt alles quasi scheiße.
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Mein Vater ist scheiße, mein Leben ist scheiße, alles ist scheiße.
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Und jetzt, schlimmer kann es nicht werden.
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Und sie schafft es dann wirklich mit dem Kind ja auch ein vernünftiges und erfüllendes
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und beglückendes Leben aufzubauen. Das kriegen wir ein paar Szenen mit.
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Und gleichzeitig ist es ja trotzdem auch eine Form von, in Anführungszeichen,
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Missbrauch, weil sie über dieses Kind versucht, Normalität zu erreichen.
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Das schafft sie nicht aus sich heraus, sie muss quasi ihre Rolle ändern,
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raus aus dem 16-jährigen Partygirl rein in die Mutterschaft.
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Das ist der Schritt, den sie gehen möchte, um ihr Leben zu stabilisieren und glücklich zu machen.
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Sie schafft es auch und trotzdem nutzt sie natürlich ihr eigenes Kind,
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um diesen Schritt machen zu können.
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Also alles, was ja jetzt bei Vampirfilmen so deterministisch ist,
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also diese große Materialität der Körper auch, also diese Austauschbarkeit und
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diese Ausnutzung und Abnutzung.
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Es war so ein bisschen dieses Gefühl, dass die Menschen alle nichts wert sind
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und einfach nur Rollen spielen müssen.
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Und in diesem Fall haben wir eben Frauen gesehen, die da ausgenutzt wurden und
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verbraucht wurden. Hat mich sehr, sehr aufgewühlt. Ich fand den sehr schrecklich.
1:10:16–1:10:18
Jetzt sage ich gar nicht, dass es negativ ist.
Florian Clauß
1:10:19–1:10:24
Ja, schrecklich, aber im Sinne von, also der hat dich einfach auch beschäftigt.
1:10:25–1:10:30
Also ich fand den, ich fand, der hat ja sehr gute Momente, der Film.
1:10:30–1:10:34
Ich habe diese Analogie zu der Filmstadt sehr gemocht.
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Wie der Film anfing, das sind ja diese 30-Sekunden-Regel, die 2-Minuten-Regel.
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Die ersten zwei Minuten, die dann einen Film, wenn er aufblende, erzählt.
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Und das, was er in den ersten zwei Minuten erzählt, wenn er dicht,
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dann funktioniert der Film. Und die ersten zwei Minuten haben mich gepackt,
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aber die Regel hat nicht ganz funktioniert, weil eben am Ende hat er mich auch
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nicht mehr so richtig...
Micz Flor
1:10:58–1:11:01
Was waren die ersten zwei Minuten? Die letzten zwei Minuten wissen wir nicht
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mehr, aber die ersten...
Florian Clauß
1:11:02–1:11:07
Die ersten zwei Minuten waren, wo sie als Standfrau dann diese Szene hat.
Micz Flor
1:11:07–1:11:08
Ah, okay.
Florian Clauß
1:11:08–1:11:12
Und es war dieses Motiv Wire. Und das ist halt so, finde ich,
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schon stark entwickelt.
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Girls on Wire, das könnte man denken, als ich das gelesen habe,
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dann dachte ich, Girls on Fire, das ist dann halt so ein proto-feministischer Film.
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In China vielleicht, nein, Girls on Wire, das ist genau das,
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was diese Standfrau da durchlebt.
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Eben, dass sie immer an Dreiten, also muss dann natürlich diese Kung-Fu-Filme,
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wo sie dann immer an Drähten dann durch die Gegend gezogen wird,
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dann eben da so Kampf-Szenen inszeniert.
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Ja, aber dieses Typische, was wir aus dem Kung-Fu-Film kennen,
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wo dann teilweise die Darsteller so anfangen zu schweben. wenn sie hüpfen und so weiter.
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Und du siehst jetzt die ganze Maschinerie dahinter. Das finde ich halt so super,
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weil das ist halt so dieses Leichtigkeit, wenn man den Film sieht.
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Du siehst halt, wie es gemacht wird. Und du siehst auch wieder hier,
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wie deterministisch das Ganze ist.
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Um das nochmal so zu sagen. Das heißt, bis dann halt wirklich diese Filmszene
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dann steht, wie oft die Frau unter Wasser getunkt wird und wieder hochgezogen
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wird, wie du sagst, fast ertrunken.
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Man kriegt dann auch wirklich so körperliche Schmerzen, die ganze Zeit das zu
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sehen in einem kalten Wasser.
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Und dieses On-Wire, das ist ja im Prinzip dieses Marionetten-Motiv.
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Das heißt, sie können ja nur sich so bewegen, wie sie selber von den Fäden gezogen werden.
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Also auch die andere, die jüngere Cousine, die dann auch eben in diesen Familienfäden
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drin hängt, aus ihrem Vater heraus, wo das dann auch schon so vorab vorgetragen ist.
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Eben die Drogensucht des Vaters, alle in dieser Familie dann so mit traumatisiert,
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dass sie sich nicht davon befreien können.
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Das ist ja auch so ein Faden, so ein Drahtseil, was dann auch die Figuren so
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zurückhält und dann immer wieder so einschnappen lässt und dann immer wieder
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auf diese schlechte Spur zieht.
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Dann aber auch jetzt in dieser Dimension der Position der Frauen,
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Ja, die Frauen haben auch in allen anderen Filmen, die ich jetzt auch heute
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so, gibt es diese Frauen, die sehr starke Rollen haben.
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Also gerade bei dem ersten Film, dass die Familie auf dem Land,
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da sind diejenigen, die Entscheidungen treffen, die eben auch das Haushalt,
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Haushalterische machen.
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Diejenigen, die das Geld und so weiter dann organisieren, sind alles Frauen.
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Das sind alles sehr starke Figuren. Die Männer spielen dann immer so am Rande eine Rolle.
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Und hier ist es auch die starken Frauen, die sich aber nicht aus einer patriarchalen Welt entkommen können,
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weil die immer wieder zurückgezogen werden, als Schablone dann so in diese Welt
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reingepresst werden und so eben in diesen Drähten festhängen,
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dass diese Befreiung von sich aus schon von vornherein scheitert.
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Und das finde ich halt, dieses von vornherein Scheitern, das finde ich halt
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so krass angelegt einfach in dem Film.
Micz Flor
1:14:03–1:14:07
Ja, ich weiß nicht, ob das jetzt patriarchatmäßig aufhängen würde,
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weil ja die Mutter der älteren Cousine ist ja eben die,
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die die ganze Zeit die Familie führt und ins Unheil stürzt mit ihren obskuren
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Ideen von wie sie diese Textilfirma jetzt irgendwie grundsanieren könnte mit einer neuen Idee.
Florian Clauß
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Das habe ich gar nicht so gelesen. Ich habe das eher eben, dass die sich durch
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diese Drogensucht des Vaters, des Bruders, dann immer wieder überhaupt nicht
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eine Wirtschaftlichkeit entwickeln können.
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So war das mein Ansatz, dass die ja immer wieder versuchen, diese Schulden, die sie anhäufen.
Micz Flor
1:14:44–1:14:48
Okay, ich hatte halt irgendwie gesehen, so eher, wenn man es generationsmäßig
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betrachtet, so dass halt diese jüngere Generation, die es halt einfach falsch ist,
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Die kommen halt da nicht mehr raus. Die müssen halt dann irgendwie für die Älteren
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auch mittragen. Vielleicht auch mit der Überalterung der Gesellschaft.
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Möchte man da jetzt demografische Themen mit hineinweben?
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Das sind halt die Jungen, die ihr ganzes Geld abgeben müssen,
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ihren Körper verkaufen müssen, nicht abnutzen müssen, bloß um die Älteren irgendwie
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in ihren Träumen noch zu unterstützen.
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Und sei es dann irgendwie der Drogentraum oder der Traum vom eigenen Business oder so.
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Aber de facto sind die ja dann auch Tagelöhnerinnen.
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Sind wir vielleicht wieder sogar bei diesen, wie heißen die? Min-Chen, ne, Min.
Florian Clauß
1:15:26–1:15:27
Min-Gong.
Micz Flor
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Min-Gong, ja, wieder, die sind ja dann auch irgendwie solche Tage,
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also die kriegt ja ihren Job, also die Stuntfrau kriegt ja auch ihren Job von,
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hey, machst du das heute Abend oder machst du das morgen früh?
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Also sie kriegt ja dann, hat ja auch keinen geregelten.
Florian Clauß
1:15:40–1:15:43
Ja, würde ich jetzt nie so ein bisschen so wie so ein Manager,
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der ihr dann halt die Jobs dann, also wie so ein Agenturbusiness,
1:15:48–1:15:54
ne? Ja, ich sehe da schon, das sind schon bessere Strukturen als bei den Wanderarbeiterinnen.
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Aber es ist natürlich diese Festlegung und auch diese Masse,
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diese Industrie, die dahinter hängt.
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Ja, und ich glaube, das ist halt so diese Industrialisierung.
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Nein, nicht die Industrialisierung, sondern man isst da einfach ein Rädchen
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in diesem ganzen Getriebe, was halt mordsmäßig ist, weil China skaliert ja in
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eine Richtung. Dann noch diese individuelle Geschichte dazu erzählen.
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Ich glaube, das ist immer dieser Hang zwischen dieser unglaublichen Menge und
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diesem individuellen Schicksal,
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das aber gleichzeitig auch in der Individualität, und da sind wir wieder bei
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dem Punkt, auch so übertragbar ist.
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Das ist ja so ein bisschen, was wir auch als Thema hatten, dass eben dieses
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Individuelle unglaublich bestimmt ist.
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Das spürt man in dem Film. Man ist ja quasi so bei den Hauptdarstellerinnen die ganze Zeit dabei.
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Man möchte ja, dass die sich dann auch wirklich so wieder schöne Momente miteinander erleben.
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Aber es gibt ja diese Szene, wo die dann auf der
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sind, gemeinsam dann auf diesem Lokal dann am Meer sitzen und da ist ja eigentlich
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ein total harmonischer Moment, wo sie sich dann finden wieder als Freundin und
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Geschwister und Familie.
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Aber das mündet dann eben mit einem Tod.
Micz Flor
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Ja, ein trauriger Film.
Florian Clauß
1:17:22–1:17:26
Ja, traurig, aber wie gesagt, schwierig.
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Irgendwann fällt der so auseinander. Mir ging es so, dass ich nicht mehr so dabei geblieben bin.
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Und dass mich der nicht mehr so gepackt hat, der Film.
Micz Flor
1:17:39–1:17:43
Kann ich nachvollziehen, bei mir war es wirklich, dass ich viel weggeguckt habe.
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Oder wie so ein Kind, wenn ich durch meine Finger durchgeguckt habe,
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auf die Leinwand, weil ich Angst hatte, mir die Ohren zugehalten habe.
1:17:49–1:17:53
Weil ich immer weiß, dass wenn ich durch blinzelnde Augen gucke und mir die
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Ohren zu halte, dann ist es nicht so gruselig oder so schlimm.
1:17:57–1:18:00
Und das war für mich so, weshalb ich manchmal nicht gut zugucken konnte.
1:18:01–1:18:07
Ich fand das Ende einfach, also wenn man jetzt auf einer formalen Ebene,
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würde ich halt sagen, man wusste genau, wie es ausgeht.
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Als sie dann ins Wasser gegangen sind, war es irgendwie klar, wie es ausgeht.
1:18:13–1:18:17
Bloß, dass die Polizei an den Strand fährt und die Bösewichte stellt,
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das war nicht vorhersehbar. Aber dieses, dass die eine ertrinkt die andere nicht,
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das wusste man irgendwie schon.
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Und dafür war es dann irgendwie zu lang.
Florian Clauß
1:18:26–1:18:27
Das war so zäh, ja.
Micz Flor
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Das war richtig lang, als ob sie diese Unterwasserkamera gebucht hatten und
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dann noch ein paar Einstellungen machen wollten, wo die Welle über die Linse
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schwappt und dann wieder hochkommt.
1:18:35–1:18:40
Und das hat aber nicht geklappt. Also als ob man so eine Pointe von einem Witz
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in die Länge zieht, damit es noch lustiger wird.
1:18:43–1:18:47
In diesem Fall hätte es noch dramatischer werden sollen, aber es hätte nicht funktioniert.
Florian Clauß
1:18:47–1:18:51
Nee, es war einfach zäh und deprimierend.
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Ja, nee, so viel.
Micz Flor
1:18:55–1:18:56
Gutes Ende.
Florian Clauß
1:18:56–1:18:59
So viel, genau. C und D-Premien.
Micz Flor
1:18:59–1:18:59
Ja.
Florian Clauß
1:18:59–1:19:00
Kommt schlimm.
Micz Flor
1:19:02–1:19:04
Dann mache ich jetzt Schluss mit der Folge.
Florian Clauß
1:19:04–1:19:08
Ich wollte noch sagen, dass ich meine Berlinale-Folge jetzt im Kasten habe.
1:19:08–1:19:10
Wie man so sagt in der Filmwirtschaft.
Micz Flor
1:19:11–1:19:16
Und diese Folge konnte jetzt für die, die auf der Berlinale waren und denken,
1:19:16–1:19:20
ach, guck mal, noch was über die Bernalal. Das höre ich mir jetzt auch noch an.
Florian Clauß
1:19:20–1:19:21
Na, was?
Micz Flor
1:19:21–1:19:27
Das höre ich über die Berlinale. Für die ist es noch gut abgehangen oder gut
1:19:27–1:19:31
nachgereift im Keller, weil wir jetzt mit ein paar Wochen Verzögerung das dann
1:19:31–1:19:34
erst senden werden. Im Podcast.
Florian Clauß
1:19:34–1:19:38
Ja, zwei Wochen. Wir sind dann ungefähr so zwei Wochen über der Berlinale.
Micz Flor
1:19:38–1:19:44
Und unter eigentlich-podcast.de seht ihr dann auch noch Fotos von dieser kuriosen
1:19:44–1:19:45
Architektur zwischendurch.
1:19:45–1:19:49
Und die ganzen Links zu den Filmen, auch nochmal die Infos, Texte,
1:19:49–1:19:54
die Flo dann nochmal zusammenknüppelt, knüppelt, damit sie das Blogformat nicht
1:19:54–1:20:00
sprengen, weil du hast ja immer unfassbar lange Texte an Infos, was du dir reinpumpst.
1:20:01–1:20:02
Chapeau sage ich da nur.
Florian Clauß
1:20:03–1:20:06
Chapeau. Naja, aber du stehst dem nicht nach.
Micz Flor
1:20:06–1:20:11
Doch, natürlich stehst du nicht nach. Ich weiß es doch. Ich gebe mir aber Mühe.
1:20:11–1:20:16
Aber egal, Flo hat das wieder großartig gemacht. Ich hoffe, ihr stimmt. Einen Applaus.
Florian Clauß
1:20:17–1:20:19
Genau, hinterlassen wir uns. Put your hands together.
Micz Flor
1:20:21–1:20:25
Und laden Sie auch nächste Woche wieder, übernächste Woche wieder down,
1:20:26–1:20:30
wenn es heißt, das Thema verraten wir noch nicht.
1:20:31–1:20:36
Gut, dann macht's gut. Bis zum nächsten Mal. Tschüss.

Subtile Kritik im Schatten der Zensur: Neue Stimmen des chinesischen Kinos

Die Berlinale 2024 bot einen aufschlussreichen Einblick, wie chinesische Filmemacher:innen unter den Bedingungen staatlicher Kontrolle arbeiten. In einem System, das selbst die Äußerungen seiner Bürger:innen im Ausland überwacht, haben sich raffinierte Wege der indirekten Kritik entwickelt. Statt frontaler Systemkritik nutzen Künstler:innen gesellschaftlich akzeptierte Diskurse: Die Umweltbewegung findet Gehör, der Stadt-Land-Konflikt wird offen diskutiert, und auch die Folgen der mittlerweile gelockerten Ein-Kind-Politik – eine alternde Gesellschaft und der demographische Männerüberschuss auf dem Land – können thematisiert werden.

Besonders das Schicksal der Wanderarbeiter:innen und ihrer zurückgelassenen Kinder zieht sich wie ein roter Faden durch das aktuelle chinesische Kino. Die dadurch entstehenden familiären Zerrüttungen, bei denen Kinder ihre Eltern kaum kennen oder ganz allein aufwachsen müssen, spiegeln sich in zwei der drei vorgestellten Filme wider.

„Living the Land“ – Ein Meisterwerk des neuen chinesischen Kinos

Huo Mengs mit dem Silbernen Bären ausgezeichnetes Gesellschaftsporträt spielt 1991 in einem chinesischen Dorf, zu einer Zeit, als China am Beginn seines wirtschaftlichen Aufstiegs stand. Der Film folgt dem 10-jährigen Chuang durch ein Jahr voller Umbrüche. Seine Eltern arbeiten in der Boom-Stadt Shenzhen, während er bei Verwandten lebt – eine Konstellation, die heute Millionen chinesischer Kinder betrifft.

Zwischen Tradition und Moderne

Die Geschichte beginnt symbolträchtig mit der Umbettung eines hingerichteten Vorfahren und entwickelt sich entlang der vier Jahreszeiten. In präzise komponierten Bildern, die an impressionistische Gemälde erinnern, entfaltet sich ein komplexes Familiengeflecht: Die junge Tante Xiuying, deren ungewollte Schwangerschaft in eine Zwangsheirat mündet, der geistig behinderte Cousin Jihua und die Urgroßmutter als traditionelles Familienoberhaupt.

Der Film besticht durch seine authentische Darstellung des Landlebens. In langen, ungeschnittenen Einstellungen dokumentiert er die Weizenernte, Familienfeste und den verzweifelten Versuch der Modernisierung durch den Kauf eines Traktors. Die erdige Farbpalette und die distanzierte Kameraführung unterstreichen den dokumentarischen Charakter.

Gesellschaftlicher Wendepunkt

Wie der Regisseur auf der Berlinale-Pressekonferenz betonte, geht es ihm um die Verknüpfung des massiven Wandels mit intimen Momenten. Der Film zeigt den Zusammenprall zwischen technischem Fortschritt und tausendjähriger Agrartradition. Besonders beeindruckt die Darstellung der Frauenrollen, deren Resilienz und harte Arbeit das Überleben der Familie sichern.

Symbolische Tiefe und visuelle Kraft

Die Farbkodierung des Films arbeitet gezielt mit Weiß für Tod und Begräbnisse sowie Rot für Blut und Hochzeiten. Besonders eindrücklich sind die Szenen, in denen diese Symbolik zusammenfließt – etwa wenn Blut im Wasser zu sehen ist. Der Film entwickelt dabei eine fast physische Präsenz: Man meint, die kühle Herbstluft zu spüren, wenn Feuerwerk gezündet wird oder Holz verbrennt.

Das abrupte Ende mit dem im Matsch festgefahrenen Traktor wird zum vieldeutigen Symbol für eine Gesellschaft im Umbruch. Der Film schließt damit einen Bogen, der mit der Ausgrabung des hingerichteten Urgroßvaters begann und über surreale Momente – wie nach dem Tod des geistig behinderten Sohnes – bis zur Andeutung der kommenden Landflucht führt.

„The Botanist“ – Poetische Annäherung an eine verschwindende Welt

Das Regiedebüt von Jing Yi verlegt seine Geschichte in das Xinjiang-Tal und erzählt von der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem kasachischen Jungen Arsin und dem han-chinesischen Mädchen Meiyu. Wie in „Living the Land“ steht auch hier ein Kind von Wanderarbeitern im Zentrum, das bei seiner Großmutter aufwächst.

Zwischen Realität und Poesie

Die Geschichte wird als Erinnerung von Arsins Onkel Bek erzählt, der nach Unruhen aus Beijing aufs Land flüchten musste. Der Film entwickelt eine traumähnliche Erzählweise, in der surreale Elemente wie ein Pferde-Poet die realistische Handlung durchbrechen. Die Sprachbarriere zwischen den Hauptfiguren wird durch gemeinsames Spielen und Erkunden überwunden.

Kritische Stimmen

Während die Bildgestaltung und die Dokumentation der unterrepräsentierten kasachischen Kultur gelobt werden, kritisieren viele Stimmen die fehlende narrative Struktur. Anders als seinem großen Vorbild Bi Gan gelingt es dem Regisseur nicht, eine hypnotische Wirkung zu erzeugen. Die angestrebte Naturverbundenheit des Protagonisten wirkt oft konstruiert, die Verbindung zur Botanik bleibt oberflächlich.

„Girls on Wire“ – Familiendrama im modernen China

Vivian Qus Film verwebt geschickt verschiedene Genres zu einer Aussage über die Position junger Frauen in der chinesischen Gesellschaft. Die Geschichte der Cousinen Tian Tian und Fang Di, die wie Schwestern aufwuchsen und durch dramatische Umstände wieder zusammengeführt werden, entwickelt sich von einem Familiendrama zu einem spannungsgeladenen Thriller.

Komplexe Charakterstudie

Fang Di arbeitet als Stuntfrau in einem Filmstudio und unterstützt ihre Familie finanziell, während Tian Tian sich in den Fängen der Drogenmafia wiederfindet. Ihre erste Begegnung wird symbolträchtig auf den Tag der Hongkong-Übergabe datiert. Der Film nutzt die „Drähte“ des Titels als durchgängige Metapher für die Fremdbestimmung seiner Protagonistinnen.

Zwischen den Genres

Die Regisseurin balanciert geschickt zwischen verschiedenen Tonlagen: Comic-Relief-Szenen im Filmstudio lockern die dramatische Grundstimmung auf. Dennoch kritisieren viele Rezensenten die unausgewogene Mischung aus Melodrama, Comedy und drastischer Gewalt. Die schauspielerischen Leistungen von Wen Qi und Liu Haocun werden durchweg gelobt, können aber nicht über strukturelle Schwächen hinwegtäuschen.

Neue Wege der Gesellschaftskritik

Die drei Filme zeigen exemplarisch, wie das chinesische Kino kritische Themen verhandelt, ohne mit der Zensur in Konflikt zu geraten. Ob durch historische Distanz wie in „Living the Land“, poetische Verfremdung wie in „The Botanist“ oder Genre-Hybridisierung wie in „Girls on Wire“ – alle finden ihre eigene Sprache für die Darstellung gesellschaftlicher Missstände. Dabei gelingt es besonders Huo Meng, aus den Beschränkungen künstlerische Kraft zu gewinnen und ein wahrhaft großes Gesellschaftsporträt zu schaffen.

Die Filme dokumentieren zudem den rasanten Wandel der chinesischen Gesellschaft und seine sozialen Kosten. Sie erinnern daran, dass hinter den beeindruckenden Wirtschaftszahlen menschliche Schicksale stehen – besonders die der zurückgelassenen Kinder, deren Geschichten hier stellvertretend für Millionen erzählt werden.

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