EGL103 Sigmund Freud „Das Unbewußte“ 1915: Denken, Fühlen, Bewusstsein Teil 1
Dies ist die Auftaktfolge einer kleinen Reihe über Psychoanalyse, Emotionen, Denken und die Frage, wie Bewusstsein entsteht. Erzählt vor dem Hintergrund neurophysiologischer Forschung, und insbesondere der "Neuropsychoanalyse". Unsere gedankliche Tour beginnt im Berliner Bergmannkiez, in der SOLMStraße. Zufall? Synchronizität? You decide: Mark Solms, südafrikanischer Neurowissenschaftler, Psychiater und Psychoanalytiker, hat den Begriff "Neuropsychoanalysis" 1999 mit der Gründung der gleichnamigen Zeitschrift geprägt. Ihm werden wir in der zweiten Episode wieder begegnen, ebenso wie Jaak Panksepp, dessen Buch "Affective Neuroscience" den roten Faden dieser Reihe liefert: die zentrale Rolle von Emotionen in evolutionär älteren Hirnregionen für das bewusste Erleben. In dieser ersten Folge wenden wir uns jedoch einem früheren Kapitel zu: den Arbeiten von Sigmund Freud, dem "Nervenarzt". Lange vor der Ausformulierung der Psychoanalyse veröffentlichte Freud 1891 eine Studie zur Aphasie und entwarf 1895 ein Modell, das Neuronen, Ladungszustände und "psychische Energie" zusammenzudenken versuchte. Sein Versuch, seelische Prozesse biologisch zu fundieren, ein Ansatz den er bald wieder aufgab. Weniger aus Überzeugung, als methodischer Ernüchterung: Die Neurowissenschaft Ende des 19ten Jahrhunderts hatte nicht die Mittel, eine "Psyche" adäquat zu erfassen. Und doch blieb eine Annahme prägend: Freud verstand den Cortex als zentralen Ort des Bewusstseins. Von hier aus entwickelte er seine Unterscheidung zwischen bewussten und unbewussten Prozessen, ein Gedanke, den wir ausgehend von seinem Text "Das Unbewußte" von 1915 nachzeichnen. In den kommenden ein oder zwei Episoden führt die Spur direkt in die Gegenwart: zur Neuropsychoanalyse, insbesondere zu Mark Solms, die das Bewusstsein nicht primär im Cortex verortet, sondern in subkortikalen Arousal-Systemen und affektiven Prozessen. In dieser Perspektive sind Emotionen nicht cortikale Produkte, sondern notwendige und hinreichende Bedingung für Bewusstsein.
Mitwirkende
Transcript
Auch wer sich nicht direkt mit Sigmund Freud und der Psychoanalyse auseinandergesetzt hat, kann wahrscheinlich etws mit dem Gedanken anfangen, dass uns nicht immer “bewusst” ist, was gerade so in uns vorgeht. Dass Menschen nicht „Herr im eigenen Haus“ (m/w/d Anm. d Red.) sind. Denn, so Freud, das Unbewusste ist eine (mit-)entscheidende Instanz, die das bewusste Leben prägt. Dies ist die erste Episode von wahrscheinlich drei Folgen, die sich mit dem Unbewussten und Bewusstsein (und Emotionen!) beschäftigen. Freuds Aufsatz “Das Unbewußte” ist da ein naheliegender und notwendiger Einstieg. Der Text ist eine systematische und theoretisch anspruchsvolle Darstellung seines Konzepts. Der Text ist online zu finden (Linke below), aber ich möchte hier eine Zusammenfassung mit einigen Zitaten liefern. Zuerst noch einige Hintergründe zur Einordnung des Textes.
Sigmund Freuds Weg vom Nervenarzt zum Psychoanalytiker
Der theoretische Weg von Sigmund Freud zur Psychoanalyse, wie wir sie heute kennen, ist eng mit seiner ursprünglichen Ausbildung als Mediziner und Nervenarzt verbunden. In seiner frühen Schrift “Zur Auffassung der Aphasien” (Freud (1891)) arbeitete Freud noch klar im Rahmen der Neurophysiologie und kritisierte lokalisationstheoretische Modelle des Gehirns, indem er bereits funktionale Zusammenhänge, also die Prozesse und Verbindungen innerhalb der Architektur, betonte. Das Prozesshafte versuchte er mit der Schrift “Entwurf einer Psychologie” (Freud (1895)) vollständig in einem naturwissenschaftlichen, energetischen Modell des Nervensystems zu erklären. In diesem Ansatz sind mentale Vorgänge eine Verteilungen und Verschiebungen von “Erregungsquantitäten”. Da sich jedoch viele klinische Phänomene, die Freud gleichermaßen beschäftigten wie faszinierten (insbesondere hysterische Symptome), nicht hinreichend physiologisch erklären ließen, schlug Freud um die Jahrhundertwende einen neuen methodischen Weg ein. Er vermisste gewissermaßen die “Psyche” in der Neuropsychologie. Freud löste sich von strikt neurobiologischen Modellen und entwickelte die Psychoanalyse als eigenständige Theorie des Psychischen, in der Begriffe wie Unbewusstes, Verdrängung und Konflikt ins Zentrum rückten. Seine Herkunft aus der Physiologie blieb dabei prägend, zeigt sich jedoch nun in einer “metapsychologischen” Form, die energetische, dynamische und strukturelle Aspekte des Seelenlebens beschreibt, ohne sie unmittelbar auf neuronale Prozesse zurückzuführen.
Neurophysiologische Aspekte in “Das Unbewußte” von 1915
Auch im Aufsatz “Das Unbewußte” bleibt die neurophysiologische Herkunft von Sigmund Freud deutlich erkennbar, auch wenn er sich hier bereits von einer strikt biologischen Erklärungsebene gelöst hat. Freud vermeidet konkrete Lokalisierungen im Gehirn, hält jedoch an der Annahme fest, dass psychische Prozesse funktional organisiert sind und in einer Art “Apparat” stattfinden, der unterschiedlichen Systemen entspricht. Das Bewusstsein beschreibt er dabei als eine Art Wahrnehmungsoberfläche, die an die Sinneswahrnehmung gebunden ist und nur bestimmte Inhalte beleuchtet. Das Gehirn bleibt implizit die Grundlage, tritt aber zugunsten eines abstrakteren, metapsychologischen Modells in den Hintergrund, in dem Begriffe wie System, Zensur und Dynamik die Rolle übernehmen, die zuvor physiologische Mechanismen innehatten.
Zentral ist hier auch, dass Freud immer daran festgehalten hat, dass die Hypothesen der Psychoanalyse irgendwann und letztlich im körperlichen gefunden werde (könnten). Dies zeigt sich z.B. in folgendem Zitat, in dem er sich für die “Bildersprache” der Tiefenpsychologie fast entschuldigt. Er müsse diese bemühen, weil wir “noch nicht” über biologisch / chemische Termini verfügen:
“Die Mängel unserer Beschreibung würden wahrscheinlich verschwinden, wenn wir anstatt der psychologischen Termini schon die physiologischen oder chemischen einsetzen könnten.”
(Freud, 1925, S. 87)
Direkt im Anschluss blickt er scheinbar wehmütig in die Zukunft, wenn die Biologie “Antworten” auf die Fragen seiner Zeit geben kann. Hier bringt er auch schon das Konzept der Falsifikation, wie Popper es später formuliert, ins Spiel: Freuds Hypothesen könnten natürlich jederzeit “umgeblasen” werden.
Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten, wir haben die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten und können nicht erraten, welche Antworten sie auf die von uns an sie gestellten Fragen einige Jahrzehnte später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen wird.
– (Freud, 1925, S. 88)
Zusammenfassung: “Das Unbewußte” von Sigmund Freud (1915)
Vorweg möchte ich noch einmal betonen, dass Freud in diesem Text versucht das Konzept des Unbewussten systematisch zu begründen, gegen Einwände zu verteidigen und in ein zusammenhängendes Modell der Psyche einzuordnen. Dass es unbewusste Prozesse gibt, war eine Idee, die auch vor Freud schon existierte. Er möchte hier eine präzise Ausarbeitung eines eigenständigen psychischen Systems mit eigenen Gesetzen vornehmen. Freud argumentiert, dass ein Großteil unseres Denkens, Fühlens und Handelns nicht bewusst zugänglich ist und dennoch wirksam bleibt. Das Unbewusste ist für ihn kein Randphänomen, sondern der eigentliche Kern des Seelenlebens.
Der Text richtet sich gegen zwei Arten von Kritik: zum einen gegen philosophische Positionen, die nur das Bewusste als „wirklich psychisch“ anerkennen, und zum anderen gegen vereinfachte Vorstellungen, die das Unbewusste lediglich als „noch nicht bewusst Gewordenes“ verstehen. Freud entwickelt stattdessen ein differenziertes Modell, das strukturelle, dynamische und funktionale Aspekte umfasst.
Erste Hürde: ist ein Konzept des Unbewussten überhaupt notwendig?
Freuds einleitende Behauptung zu diesem Abschnitt ist heute sicherlich überholt:
“Die Berechtigung, ein unbewußtes Seelisches anzunehmen und mit ein dieser Annahme wissenschaftlich zu arbeiten, wird uns von vielen Seiten bestritten.”
(Freud, 1915, S. 189)
Die Neuropsychologie geht davon aus, dass die meisten Prozesse (vor allem kortikale) unbewusst sind. Auch wenn die Neurowissenschaft das “Unbewusste” nicht mit Freud psychodynamischen Konzepten gleichsetzen würde.
Freud stellt die grundlegenden Frage: Warum überhaupt ein Unbewusstes annehmen? Könnte man nicht alle psychischen Phänomene allein durch bewusste Prozesse erklären? Seine Antwort: Ohne die Annahme unbewusster Vorgänge bleiben zahlreiche Beobachtungen unverständlich. Dazu zählen etwa Fehlleistungen (Versprecher, Vergessen), neurotische Symptome oder scheinbar grundlose Affekte. Diese Phänomene zeigen, dass psychische Prozesse existieren müssen, die dem Bewusstsein nicht zugänglich sind, aber dennoch wirksam bleiben.
Er differenziert in dieser Argumentation das Unbewusste in seiner Theorie weiter aus, man könnte auch sagen: grenzt sich ab. Freud unterscheidet Inhalte, die aktuell nicht bewusst sind, aber prinzipiell bewusst werden können (z. B. Erinnerungen). Diese nennt er vorbewusst. Andere Inhalte werden aktiv vom Bewusstsein ferngehalten werden, weil sie mit inneren Konflikten verbunden sind. Diese Dynamik des Fernhaltens bezieht sich auch auf den Begriff der Psychodynamik. Freud führt eine wichtige Unterscheidung ein: Nicht alles Nicht-Bewusste ist gleich. Das Unbewusste im psychoanalytischen Sinn ist nicht einfach “verborgen”, sondern durch psychische Kräfte vom Bewusstsein getrennt.
Freud setzt sich im Text auch mit konkurrierenden Positionen auseinander. Besonders wichtig ist seine Kritik an Auffassungen, die das Unbewusste lediglich als “latentes Bewusstsein” verstehen. Er betont, dass das Unbewusste im psychoanalytischen Sinn durch Verdrängung und spezifische Gesetzmäßigkeiten gekennzeichnet ist. Es ist nicht einfach das, was noch nicht bewusst geworden ist, sondern etwas qualitativ anderes.
Die erste topische Theorie: Bewusst, Vorbewusst, Unbewusst
Um die Struktur der Psyche zu beschreiben, greift Freud auf das sogenannte “topische Modell” zurück. Auch wenn dieses Modell oft als “räumlich” beschrieben wird, möchte ich Freud hier noch mal zitieren, um klar zu machen, dass es nicht um Lokalisation geht:
“Aber alle Versuche, von da aus eine Lokalisation der seelischen Vorgänge zu erraten, alle Bemühungen, die Vorstellungen in Nervenzellen aufgespeichert zu denken und die Erregungen auf Nervenfasern wandern zu lassen, sind gründlich gescheitert. Dasselbe Schicksal würde einer Lehre bevorstehen, die etwa den anatomischen Ort des Systems Bw, der bewußten Seelentätigkeit, in der Hirnrinde erkennen und die unbewußten Vorgänge in die subkortikalen Hirnpartien versetzen wollte. Es klafft hier eine Lücke, deren Ausfüllung derzeit nicht möglich ist, auch nicht zu den Aufgaben der Psychologie gehört. Unsere psychische Topik hat vorläufig nichts mit der Anatomie zu tun; sie bezieht sich auf Regionen des seelischen Apparats, wo immer sie im Körper gelegen sein mögen, und nicht auf anatomische Örtlichkeiten.”
(Freud, 1915, S. 195)
Freud unterscheidet drei Systeme als Teil der Struktur der Psyche:
1. Das Bewusste (Bw): Das Bewusste umfasst alle Inhalte, die uns unmittelbar gegeben sind: aktuelle Wahrnehmungen, Gedanken und Empfindungen. Es ist jedoch nur ein kleiner Ausschnitt des gesamten psychischen Geschehens.
2. Das Vorbewusste (Vbw): Das Vorbewusste enthält Inhalte, die nicht aktuell bewusst sind, aber ohne Widerstand bewusst gemacht werden können. Dazu gehören etwa Erinnerungen oder Wissen, das jederzeit abrufbar ist.
3. Das Unbewusste (Ubw): Das Unbewusste im engeren Sinn umfasst Inhalte, die nicht nur unbewusst sind, sondern aktiv verdrängt wurden. Sie sind dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich, sondern nur indirekt erschließbar, etwa durch Träume, Symptome oder Fehlleistungen. Besonders wichtig ist die Grenze zwischen Vorbewusstem und Unbewusstem, die durch einen Mechanismus aufrechterhalten wird: die Verdrängung.
Freud betont, dass die drei Systeme nicht isoliert existieren, sondern in ständiger Wechselwirkung stehen. Besonders wichtig ist dabei die Rolle der “Zensur”, die den Übergang zwischen Unbewusstem und Vorbewusstem reguliert. Diese Zensur sorgt dafür, dass verdrängte Inhalte nicht direkt ins Bewusstsein gelangen. Wenn sie dennoch durchbrechen, geschieht dies in veränderter Form, etwa als Symptom oder Traum. Das Modell ist daher nicht statisch, sondern dynamisch: Es geht um Kräfte, Widerstände und Umwandlungen. Psychische Prozesse sind für Freud immer auch Konfliktprozesse.
Verdrängung als Schlüsselmechanismus
“Wir haben aus der Psychoanalyse erfahren, das Wesen des Prozesses der Verdrängung bestehe nicht darin, eine den Trieb repräsentierende Vorstellung aufzuheben, zu vernichten, sondern sie vom Bewußtwerden abzuhalten.”
(Freud, 1915, S. 189)
Die Verdrängung ist für Freud der zentrale Prozess, der das Unbewusste konstituiert. Sie bezeichnet den Vorgang, durch den bestimmte Vorstellungen, Wünsche oder Impulse aus dem Bewusstsein ausgeschlossen werden, weil sie als unvereinbar mit anderen psychischen Anforderungen erlebt werden. Dabei ist entscheidend: Verdrängung bedeutet nicht, dass Inhalte verschwinden. Im Gegenteil, sie bleiben im Unbewussten aktiv und können weiterhin Einfluss auf das Verhalten ausüben.
Freud beschreibt Verdrängung als einen dynamischen Prozess, der mit Energieaufwand verbunden ist. Das Ich (im damaligen Modell noch nicht in der späteren strukturellen Form ausgearbeitet) muss ständig Arbeit leisten, um die verdrängten Inhalte vom Bewusstsein fernzuhalten. Diese verdrängten Inhalte äußern sich indirekt, etwa in neurotischen Symptomen, Träumen, Fehlleistungen. Das Unbewusste ist also nicht passiv, sondern wirkt.
Triebe und das Unbewusste
Das Unbewusste ist bei Freud eng mit dem Konzept des Triebs verbunden. Triebe sind grundlegende psychische Kräfte, die auf Befriedigung drängen. Sie haben eine körperliche Grundlage, wirken aber im psychischen Apparat. Triebe erscheinen im Unbewussten in Form von Vorstellungen und Affekten. Wenn sie mit inneren Normen oder äußeren Anforderungen kollidieren, können sie verdrängt werden. Das Unbewusste ist somit der Ort, an dem diese verdrängten Triebregungen weiterbestehen und indirekt wirksam bleiben.
Mit Blick auf die kommende Folge, wird es genau um diese Thematik gehen: Triebe, aber auch Affekte, Emotionen, oder – einfach gesagt – Gefühle.
Literaturverzeichnis
Freud, S. (1891). Zur Auffassung der Aphasien. Eine kritische Studie. Leipzig und Wien: Franz Deuticke. Verfügbar unter: https://archive.org/details/ZurAuffassungDerAphasien.EineKritischeStudie
Freud, S. (1895). Entwurf einer Psychologie. Verfügbar unter: https://www.freudedition.net/werke/entwurf-einer-psychologie-teil-1-2/manuskript
Freud, S. (1915). Das Unbewußte. Internationale Zeitschrift für Ärztliche Psychoanalyse, 3(4), 189–203.
Freud, S. (1925). Jenseits des Lustprinzips. Internationaler Psychoanalytischer Verlag.
