EGL096 Was ist NARM? Therapie von Entwicklungstrauma durch Kontakt, Selbstwirksamkeit und Beziehung
An einem schneereichen Abend nach Silvester trifft Micz die Gestalt- und NARM-Therapeutin Anne Piotrowski, um mehr über die therapeutische Arbeit mit dem NeuroAffective Relational Model (NARM®) zu erfahren. Dieser traumatherapeutische Ansatz, begründet durch Laurence Heller, zverbindet unter anderem auch gestalttherapeutische und psychodynamische Ansätze mit modernen neurobiologischen und relationalen Perspektiven. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass komplexe und Entwicklungstraumata nicht allein als gespeichertes Ereignis verstanden werden kann, sondern sich als fortlaufendes Muster in Affektregulation, Selbstwahrnehmung und Beziehungsgestaltung ausdrückt. In der Tradition der Gestalttherapie übernimmt NARM den Fokus auf Gegenwärtigkeit, Kontakt und phänomenologische Wahrnehmung, während aus der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie insbesondere das Verständnis unbewusster Beziehungsmuster, innerer Konflikte und struktureller Anpassungen einfließt. Diese Stränge werden ergänzt durch Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie und Neurobiologie. Im Zentrum des Ansatzes steht die Unterscheidung zwischen frühen Überlebensstrategien und den darunterliegenden Entwicklungsbedürfnissen nach Verbindung, Autonomie und Selbstwirksamkeit. Statt retraumatisierender Konfrontation liegt der Schwerpunkt auf der bewussten Erforschung jener Strategien, die einst Schutz boten und heute Entwicklung begrenzen. Die therapeutische Arbeit zielt darauf, im Hier und Jetzt neue Wahlmöglichkeiten zu eröffnen und so die Wiederherstellung von innerer Kohärenz, lebendigem Kontakt und relationaler Flexibilität zu unterstützen.
Shownotes
- Anne Piotrowski: NARM-Therapeutin, Diplom-Psychologin, Gestalttherapie
-
Bindungstheorie
- Website Dr. Laurence Heller
- NARM Training Institute
- YouTube Channel des NARM Training Institute
-
Full NARM Demonstration Session with Dr. Laurence Heller | Working with Complex Trauma
- NARM-Therapeut:innen finden
- NARM-Therapeut:innen finden
- Bücher zu NARM
- Entwicklungstrauma heilen: Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM
- Laurence Heller , Brad J. Kammer: Praxisbuch Entwicklungstrauma heilen
- In Deutschland NARM lernen
- UTA Akademie
- ZIST Akademie für Psychotherapie
Transcript
Das Neuroaffektive Relationale Modell (NeuroAffective Relational Model) ist ein psychotherapeutischer Ansatz zur Arbeit mit komplexem und entwicklungs- bzw. bindungsbezogenem Trauma (complex and developmental trauma). Im Mittelpunkt stehen früh entstandene Muster der Trennung und Selbstentfremdung (patterns of disconnection), die sich als notwendige Anpassungen an belastende Beziehungserfahrungen entwickeln und das Erleben, Fühlen und Handeln bis ins Erwachsenenalter strukturieren. NARM versteht sich zugleich als klinisches, entwicklungsbezogenes und funktionsorientiertes Modell (clinical, developmental and functional model): Es bietet eine klare therapeutische Haltung im Umgang mit Symptomen, beschreibt gelingende wie auch blockierte Entwicklung und richtet den Blick auf die Herausforderungen des gegenwärtigen Lebens.
Theoretisch verbindet NARM psychodynamische, somatische und kognitive Perspektiven mit affektiver Neurowissenschaft (affective neuroscience) und nicht-westlichen Denkansätzen. Anstatt traumatische Ereignisse selbst zu fokussieren, arbeitet der Ansatz mit den adaptiven Überlebensmustern (adaptive survival patterns), die einst Schutz boten, später jedoch Verbindung, Lebendigkeit und Selbstregulation einschränken. Im Kern geht NARM von einem angeborenen menschlichen Streben nach Verbundenheit, Lebendigkeit und Ganzheit (connection, aliveness, wholeness) aus, das als tragende Kraft des therapeutischen Prozesses verstanden wird.
Im Zentrum stehen Beziehungen und Kontakt
Ein zentrales Verständnis in NARM ist, dass Verbindung (connection) zugleich das tiefste menschliche Bedürfnis und eine der größten inneren Bedrohungen darstellen kann. Frühe Beziehungserfahrungen prägen, wie Nähe, Autonomie und Selbstkontakt reguliert werden. Aus Überlebensnotwendigkeit entstehende adaptive Überlebensstile (Adaptive Survival Styles) formen Identität, Affektregulation und Beziehungsgestaltung und tragen im Erwachsenenalter häufig zu Symptomen, innerer Enge und zunehmender Distanz zu sich selbst und anderen bei. NARM unterstützt dabei, diese Muster im Hier und Jetzt zu erkennen und schrittweise zu lösen, wodurch mehr Präsenz, innere Beweglichkeit und Beziehungsfähigkeit entstehen können. Vor dem Hintergrund wachsender Erkenntnisse zu belastenden Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences) wird NARM zunehmend als relevanter Beitrag zu einer traumasensiblen Praxis wahrgenommen.
Im Neuroaffektiven Relationalen Modell stützt sich die Arbeit auf zwei zentrale Ansätze: die fünf adaptiven Überlebensstile (Five Adaptive Survival Styles) und die vier Säulen von NARM (Four Pillars of NARM). Gemeinsam dienen sie dazu, die Komplexität zu strukturieren, die bei der Arbeit mit entwicklungsbezogenem Trauma entsteht. Während die adaptiven Überlebensstile eine verkörperte Landkarte (embodied structure) dafür bieten, wie frühe Anpassungen Identität, Selbstregulation und Beziehungsgestaltung prägen, beschreiben die Säulen grundlegende Orientierungspunkte für Heilung und Integration.
Ein Bezugsrahmen für therapeutische Arbeit allgemein
NARM versteht Heilung nicht nur als Auflösung der Folgen komplexer Traumatisierung, sondern als einen Prozess der Wiederanbindung an Lebendigkeit. Indem Klient:innen ihre frühen Überlebensstrategien erkennen und sich zunehmend von ihnen lösen, entsteht Raum für ein authentischeres Selbstgefühl, tragfähigere Beziehungen und eine tiefere Beteiligung am eigenen Leben. Für Psychotherapeut:innen bietet NARM einen wirkungsvollen Bezugsrahmen für die Arbeit an der Schnittstelle von Beziehung, Identität und Selbstregulation und unterstützt nachhaltige, bedeutsame Veränderungsprozesse.
Die vier zentralen Säulen in NARM
Ergänzend zu den fünf adaptiven Überlebensstilen beschreibt NARM vier zentrale Säulen (Four Pillars of NARM), die einen relationalen Orientierungsrahmen für die therapeutische Arbeit bilden. Sie stellen kein festes Vorgehensschema dar, sondern leitende Prinzipien, die neue Formen der Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zum Heilungsprozess ermöglichen:
Klärung des Arbeitsauftrags (Clarifying the Working Contract): Ausrichtung der Arbeit an dem inneren Anliegen (heart’s desire), also an dem, was Verbindung, Selbstwirksamkeit und Lebendigkeit vertiefen soll.
Exploratives Fragen (Asking Exploratory Questions): Offene, nicht-deutende Fragen fördern Neugier, Selbstwahrnehmung und Beziehung im Hier und Jetzt.
Stärkung von Selbstwirksamkeit (Reinforcing Agency): Bewusstwerden eigener Anpassungsstrategien ohne Schuldzuweisung, um Handlungsspielräume in der Gegenwart zurückzugewinnen.
Wachsende Verbindung wahrnehmen und im Leib verankern (Reflecting Increasing Connection and Anchoring it in the Body): Neue Erfahrungen von Regulation und Verbundenheit werden verlangsamt, körperlich verankert und nachhaltig integriert.







Schreibe einen Kommentar