EGL115 Androgynität: Braucht Geschlechtsidentität noch „männliche“ und „weibliche“ Anteile?
Den Rastkogel (2762 m) in den Tuxer Alpen verlassen wir und schmeissen beim Abstieg die Mikros an. Micz möchte über Androgynität sprechen. Der Impuls dazu kam aus der letzten Podcast-Folge, in der wir über Sagen und Mythen aus den Tuxer Alpen sprachen. Darin kam das Männliche aus dem Süden in die Tuxer Alpen und wurde durch das Weibliche vertrieben. Androgynität bezeichnet die Vorstellung, dass es „männliche“ und „weibliche“ Anteile gibt, die in unterschiedlicher Ausprägung Denken, Gefühle, Persönlichkeitsmerkmale oder Verhaltensweisen beeinflussen können. Doch genau diese Unterscheidung zwischen „männlich“ und „weiblich“ wirkt heute zunehmend erklärungsbedürftig. Denn die aktuelle Geschlechterdebatte trennt bewusst zwischen biologischen Geschlechtsmerkmalen, Geschlechtsidentität, sexueller Anziehung und sexueller Identität. Wir diskutieren, ob „männlich“ und „weiblich“ als Kategorien der eigenen Geschlechtsidentität an Selbstverständlichkeit verlieren und ob sie dennoch als Bezugspunkte nicht vollständig verschwinden. Das zeigt sich besonders bei der Beschreibung sexueller Anziehung. Begriffe wie androphil, gynophil oder ambiphil beschreiben, ob sich sexuelle Anziehung auf Männer beziehungsweise Männlichkeit oder auf Frauen beziehungsweise Weiblichkeit oder beides richtet. Unabhängig davon, welches Geschlecht die anziehende Person selbst hat. Auf unserem Abstieg ins Tal stellen wir fest: Das Geschlecht des Subjekts kann für die Beschreibung seiner Anziehung unerheblich werden, während „männlich“ (androphil) und „weiblich“ (gynophil) auf der Seite des begehrten Gegenübers weiterhin als Bezugspunkte benötigt werden. Damit bleibt das Subjekt frei sich zu beschreiben, dem begehrten Objekt wird jedoch ein Geschlecht zugeschrieben. Vielleicht führt es aber nur zu einer grundsätzlicheren Frage: Wenn wir männliche und weibliche Anteile in der Persönlichkeit nicht mehr selbstverständlich voraussetzen wollen, was genau meinen wir dann eigentlich noch mit „männlich“ und „weiblich“?
Shownotes
- Texte
- Zissexuell / Zissexualismus, Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch 1991
- Homosexuality in the International Classification of Diseases: A Clarification, 1994
- Proposed declassification of disease categories related to sexual orientation in the International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-11) 2014
- Animus und Anima, Carl Gustav Jung
- „Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“, Jacques Lacan
- Die Kleinsche Flasche ist ein Beispiel einer nicht-orientierbaren Fläche | Wikipedia
- "Der androgyne Mensch" Günter Ammon 1984 In: Dynamische Psychiatrie 1984, 86 17. Jahrgang, Heft 3, S.235 (PDF S.3)
- Lesen
- "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" Heinrich von Kleist, 1878 postum
- Film
- "Together – Unzertrennlich" von Michael Shanks, 2025
Transcript
Ein kurzer Spaziergang durch einige (auf unserer Wanderung) angesprochenen Themen. Eins vorneweg: der Cis-Erfinder trägt keinen typisch amerikanischen Namen, sondern heißt Volkmar Sigusch (siehe auch den Link in den Shownotes).
Mythos der Kugelmenschen
Einleitend sprechen wir über den Mythos der Kugelmenschen aus Platons Symposion, genauer um die Rede des Aristophanes. Am Anfang, so erzählt der Mythos, waren die Menschen anders als heute: Sie waren kugelförmig, besaßen zwei Gesichter, vier Arme und vier Beine und vereinten in sich zwei Geschlechterseiten. Aristophanes unterscheidet drei ursprüngliche Formen: den männlichen, den weiblichen und den androgynen Menschen. Gerade der androgyne Mensch ist für die heutige Vorstellung von Androgynität interessant, weil er männliche und weibliche Anteile nicht als getrennte Eigenschaften, sondern als eine ursprüngliche Einheit verkörpert. Diese Menschen waren stark und selbstbewusst und wurden den Göttern schließlich zu mächtig. Zeus beschloss deshalb, sie zu teilen und aus jedem ursprünglichen Menschen zwei Hälften zu machen. Seit dieser Trennung sucht jede Hälfte nach ihrer verlorenen anderen Hälfte und versucht, die ursprüngliche Einheit wiederherzustellen. Aristophanes erklärt damit das menschliche Begehren nach Liebe und Vereinigung als Sehnsucht nach Ganzheit. Der Mythos erzählt damit eine Bewegung von Ganzheit über Spaltung und Differenz zurück zur ersehnten Vereinigung. Gerade hier setzt später Lacans Kritik an: Gibt es tatsächlich eine verlorene Hälfte, die uns wieder vollständig machen kann, oder ist die Vorstellung einer ursprünglichen sexuellen Einheit selbst eine Illusion?
„Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“ (Jacques Lacan)
Während Aristophanes die Liebe als Suche nach der ursprünglichen anderen Hälfte beschreibt, geht Lacan davon aus, dass es keine solche komplementäre Hälfte gibt, die das Subjekt vollständig machen könnte. Seine berühmte Formel lautet: „Il n’y a pas de rapport sexuel“ – „Es gibt kein sexuelles Verhältnis.“ Gemeint ist damit nicht, dass es keinen Sex gibt, sondern dass zwischen den Geschlechtern keine garantierte komplementäre Einheit existiert. Die Sehnsucht nach Ganzheit bleibt vielmehr selbst Teil des Begehrens. Der androgyne Kugelmensch steht damit bei Platon für eine verlorene Einheit, während Lacan gerade diese Vorstellung als Fantasie problematisiert.
Animus und Anima (C. G. Jung)
Bei C. G. Jung ist der Ausgangspunkt ein anderer. Jung geht davon aus, dass in jedem Menschen psychische Dimensionen des jeweils „anderen“ Geschlechts vorhanden sind. Beim Mann bezeichnet er die unbewusste weibliche Dimension als Anima, bei der Frau die unbewusste männliche Dimension als Animus. Dabei handelt es sich nicht einfach um Geschlechtsidentitäten im heutigen Sinn, sondern um archetypische psychische Strukturen, die das Erleben und die Beziehung zur eigenen und zur anderen Geschlechtlichkeit prägen. Im Prozess der Individuation geht es unter anderem darum, diese zunächst unbewussten Anteile wahrzunehmen und in die Gesamtpersönlichkeit zu integrieren. Androgynie kann aus dieser Perspektive als eine Form psychischer Ganzheit verstanden werden, in der männliche und weibliche Qualitäten nicht mehr strikt voneinander abgespalten werden. Der Mensch soll sich also nicht ausschließlich mit einer geschlechtlich stereotypen Seite identifizieren, sondern Zugang zu unterschiedlichen psychischen Möglichkeiten entwickeln. Während Lacan die Fantasie der Ganzheit problematisiert, interessiert sich Jung damit stärker für die Frage, wie Gegensätze innerhalb der Persönlichkeit miteinander vermittelt und zu einer umfassenderen Identität verbunden werden können.
Androgynität als ganzheitliches Entwicklungsmodell (Günter Ammon)
Bei Günter Ammon wird Androgynität schließlich zu einem Bestandteil eines umfassenderen, ganzheitlichen Entwicklungsmodells. Sein Humanstrukturmodell versteht Persönlichkeit als eine mehrdimensionale und dynamische Struktur, in der körperliche, unbewusste und bewusste Funktionen miteinander verbunden sind. Identität ist dabei kein statischer Zustand, sondern ein fortwährender Entwicklungsprozess. Androgynität bezeichnet entsprechend nicht nur eine psychische Eigenschaft, sondern eine menschliche Entwicklungsmöglichkeit: Männliche und weibliche Potenziale können in unterschiedlichen Bereichen der Existenz entfaltet werden – körperlich, emotional, im Verhalten, in Fantasien, Beziehungen und Sexualität. Entscheidend ist dabei die Flexibilität, mit der ein Mensch diese verschiedenen Potenziale entsprechend seinen Bedürfnissen und der jeweiligen Situation einsetzen kann. Starre männliche oder weibliche Rollenfixierungen erscheinen demgegenüber als Einschränkung der Entwicklungsmöglichkeiten. Androgynität wird bei Ammon damit geradezu zu einem Ausdruck von Identitätsentwicklung und innerer Beweglichkeit. Während Jung die Integration von Anima und Animus betont und Lacan die strukturelle Spaltung des Subjekts in den Mittelpunkt stellt, versteht Ammon männliche und weibliche Dimensionen als flexibel entwickelbare Potenziale innerhalb einer umfassenden menschlichen Struktur.
Orientierungsbegriffe und Objekt sexueller Anziehung
Hetero- und Homosexualität beziehen sich immer auch auf das eigene Geschlecht und werden deshalb erklärungsbedürftig, wenn dieses nicht eindeutig binär bestimmt ist. Androphilie und Gynäkophilie setzen stattdessen beim Gegenüber an und beschreiben unabhängig vom eigenen Geschlecht, ob sich sexuelle Anziehung auf Männer beziehungsweise Männlichkeit oder auf Frauen beziehungsweise Weiblichkeit richtet.
Titelfrage: EGL115 Androgynität: Braucht Geschlechtsidentität noch „männliche“ und „weibliche“ Anteile?
Auch wenn „männlich“ und „weiblich“ als Kategorien der eigenen Identität an Selbstverständlichkeit verlieren, verschwinden sie als Bezugspunkte sexueller Anziehung keineswegs. Das zeigt: Ganz ohne die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich kommen wir offenbar nicht aus – die entscheidende Frage ist vielmehr, was wir mit diesen Begriffen eigentlich noch meinen.
Viel Spaß beim Zuhören, wie wir beim Laufen reden und laufend reden. In dieser Episode, aufgenommen in den Tuxer Alpen gilt oft eher: Beim Wandern schaufen und schaufend reden. Der Körper spielt eben immer mit.

















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