EGL114 Tuxer Sagen II – Der Tuxer Riese und Die Frauenwand
Wir setzen unsere Tuxer Sagenfolge direkt vor Ort an der Weidener Hütte fort. Zuerst geht es um den Tuxer Riesen: Aus Südtirol vertrieben, stapft er in die Tuxer Alpen und errichtet dort eine Gewaltherrschaft, um sich ein Schloss bauen zu lassen. Bis sich ihm die wilden Fräulein beherzt entgegenstellen und die Almer von seinem Joch befreien. Wir steigen in die psychologische Deutung der Sage ein: die Kratzer in der Eiswand, der frustrierte Riese, der eine Beziehung sucht, aber nur gewaltvoll kommunizieren kann. Flo lockt Micz in seiner Rolle als Psychotherapeut aus der Reserve und bekommt ein bisschen Lacan als Interpretationswerkzeug zu hören. Und das klappt sogar. Dann steigen wir auf zur nächsten und längsten unserer drei Sagen aus den Tuxer Alpen: der Frauenwand. Hier geht es um eine Heldinnengeschichte, die vom Teilen in der Not und von der Navigation bei schlechtem Wetter handelt. Das sind zwei Grundthemen, die auch heute noch in den Bergen das Überleben sichern können. Die Frauen von der Frauenwand geben denen, die es verdienen, ein Vielfaches zurück. Wer ihnen dagegen nicht gut begegnet, dem widerfährt entsprechend Übles. Begeistert stellen wir fest, dass hier die Frauen als Heldinnen aus der Geschichte hervorgehen und nicht, wie sonst so oft in Märchen, die Männerfiguren dominieren. Wir kommen zu dem Schluss, dass die Bergwelt aufgrund der rauen Bedingungen eine viel verletzlichere Gemeinschaft beherbergt, die entsprechend widerstandsfähiger und gleichberechtigter aufgebaut sein muss. Und wir werden gerade noch rechtzeitig fertig, um zum Abendessen in der Weidener Hütte am Inntaler Höhenweg einzukehren...
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Transcript
Der Tuxer Riese und die Wilden Fräulein
In den alten Zeiten, so erzählt man sich, war das Tuxertal nicht so allein und schutzlos, wie es scheinen mag. Hoch droben in den Bergen, in den Felsen und Klüften, wohnten die Wilden Fräulein. Zarte, geheimnisvolle Wesen waren das, den Menschen von Herzen gut gesonnen. Sie beschützten das Tal vor Unwetter, vor Bränden und vor allem Unglück, und mit ihrer Zauberkunst erleichterten sie den Bauern die harte Arbeit mit Vieh und Hof. Kam ein Kalb nicht zur Welt oder verlor sich ein Schaf im Nebel, so brauchte man nur hinaufzurufen zu den Fräulein – und alles wurde gut. So lebten die Tuxer sicher und geborgen unter dem wachsamen Auge ihrer Beschützerinnen.
Doch eines Tages war es mit der Ruhe vorbei.
Über das Tuxer Joch herüber, aus dem Süden, kam ein Riese gestapft. In Südtirol hatten sie ihn vertrieben, weil niemand mehr seine Bosheit ertragen konnte, und nun suchte er sich ein neues Tal, das er unterjochen konnte. Mit dröhnenden Schritten stieg er herab ins Tuxertal, und die armen Dorfbewohner erstarrten vor Schreck, als sie den Koloss erblickten.
Der Riese hatte scharfe, böse Augen, denen nichts entging. Wollte auch nur ein einziger der Talbewohner heimlich hinauf in die Berge schleichen, um die Wilden Fräulein um Rat und Hilfe zu bitten, so war der Riese schon zur Stelle und bestrafte den Armen so grausam, dass es bald keiner mehr wagte.
Und der Riese verlangte immer mehr. Alle Steine im Tal mussten die Menschen zusammentragen, damit er sich ein gewaltiges Schloss bauen konnte. Ihr mühsam erarbeitetes Brot und ihre letzten Vorräte mussten sie ihm bringen, um seinen unersättlichen Hunger zu stillen. Für sie selbst aber blieb kaum noch etwas übrig, und Not und Elend zogen ein in das einst so glückliche Tal.
Nun geschah es aber eines Tages, dass ein paar junge, wackere Burschen hinaufsteigen mussten zur Gefrorenen Wand, um dort die letzten großen Felsbrocken für das Schloss des Riesen zu holen. Und dort oben, fern vom scharfen Blick des Ungetüms, begegneten sie den Wilden Fräulein.
Vor Erleichterung fielen die Burschen weinend auf die Knie. Sie flehten die Fräulein an, sie mögen doch den schrecklichen Riesen wieder aus dem Tuxertal verjagen, ehe alle zugrunde gingen.
Die Fräulein hörten ihnen ruhig zu. Dann sprachen sie: „Tragt nur alle Blöcke zusammen, so wie euch befohlen wurde. Fürchtet euch nicht.“ Und damit waren sie verschwunden.
Einige Tage später hatte der Riese bereits begonnen, die schweren Blöcke aufeinanderzutürmen, um endlich sein Schloss zu vollenden. Da – ganz plötzlich – brach ein gewaltiges Unwetter los. Es blitzte und donnerte, dass die Berge bebten, und ein Sturm erhob sich, wie ihn niemand je erlebt hatte. Er packte die riesigen Felsblöcke und warf sie in alle vier Himmelsrichtungen auseinander, als wären es Kieselsteine.
Der Riese brüllte und fluchte, dass man es bis hinüber nach Zell und über die Berge bis nach Schmirn hören konnte. Doch es half ihm nichts.
Am nächsten Morgen begann er von neuem. Wieder schichtete er die Blöcke auf. Und wieder schickten die Wilden Fräulein einen tobenden Sturm, der sein ganzes Werk zerschlug.
Da bebte der Riese vor Zorn. Er schwor den kleinen Fräulein blutige Rache. Er stellte sich auf den höchsten Felsen, den er finden konnte, und spähte ringsum – wo waren sie, diese winzigen Wesen, die es wagten, ihm zu trotzen? Und da entdeckte er sie: In der Gefrorenen Wand, aus einem Loch im Fels heraus, schauten die Fräulein zu ihm herüber.
Mit einem Wutgebrüll streckte der Riese seine gewaltigen Pranken aus und kratzte mit seinen Klauen über die Eiswand hinab, um sie zu packen. Doch flink wie der Wind schlüpften die Wilden Fräulein zurück in ihre Höhle und waren in Sicherheit.
Die Eiswand aber trägt seither die tiefen Spuren jener Klauen – die zahllosen Risse und Sprünge, die man noch heute in ihrem Gesicht sehen kann.
Als der Riese endlich einsah, dass er gegen die Wilden Fräulein den Kürzeren gezogen hatte und dieses Tal für immer beschützt blieb, da packte ihn ein finsterer Grimm. Er beschloss, das Tuxertal zu verlassen. Mit lauten, zornigen Schritten stapfte er zurück, hinauf zum Tuxer Joch, und verschwand jenseits der Berge, dort, woher er gekommen war.
Und wenn du heute als Wanderer über die Höhen des Tuxertals ziehst, dann halte einmal Ausschau am Fels. Denn dort, so sagt man, kann man sie noch immer erkennen: die gewaltigen Riesentritte, die der Tuxer Riese auf seinem zornigen Weg über das Joch im Stein zurückgelassen hat.
Die Sage von der Frauenwand
Es war zu jener Zeit, als Hintertux noch zur Gemeinde Schmirn gehörte und das hintere Schmirntal droben vom kleinen Kaserer herab noch tief in Eis und Schnee lag. Die Wege über die Berge waren beschwerlich und gefährlich, und mancher, der das Tuxer Joch überqueren wollte, fand den rechten Pfad nicht und kam vom Weg ab.
In jenen Tagen lebte im Dorf eine junge Magd, die Tochter des Batzenbauern. Den Sommer über hatte sie drüben in Matrei am Brenner in Diensten gestanden, hatte hart gearbeitet und sich ihren kargen Lohn verdient. Nun aber, im Spätherbst, sehnte sie sich nach Hause, und so machte sie sich auf den langen Weg über das Tuxer Joch zurück in ihr Heimattal.
Noch vor dem ersten Hahnenschrei brach sie auf. Doch als sie nach Schmirn kam, lag ein so dichter Nebel über dem Tal, dass man die Hand nicht vor Augen sah. So kehrte das Mädchen bei einer Verwandten ein, aß ein wenig, wärmte sich und plauderte, in der Hoffnung, der Nebel möge sich heben.
Doch statt sich zu lichten, stieg der Nebel immer höher, und es wurde beinahe finster, obwohl es noch Tag war. Da erzählten ihr die Verwandten mit gedämpfter Stimme eine seltsame Geschichte: Oben, in der Nähe der Schmirner Wand, sollten einige Frauen hausen. Man hatte sie im Sommer bisweilen von Weitem gesehen, doch niemand wusste, wer sie waren oder woher sie kamen. Man erzählte sich Gutes von ihnen – und auch Böses. Alle aber, das Gute wie das Böse, hatten großen Respekt vor den Frauen an der Wand.
Am Nachmittag drängte die Zeit, und die Magd wollte nicht länger warten, um noch bei Tageslicht über das Joch zu kommen. Sie nahm ihr Bündel – darin ihre wenigen Habseligkeiten, etwas Brot und der ganze Lohn ihrer Sommerarbeit – und machte sich auf den Weg.
Anfangs fand sie den Pfad noch gut. Doch dann, im dichten Nebel, verfehlte sie die Abzweigung hinauf zum Tuxer Joch. Lange irrte sie umher, und mit jedem Schritt wuchs ihre Angst. Es begann zu regnen, und weiter oben, das wusste sie, würde der Regen zu Schnee werden. Todmüde und verzweifelt schleppte sie sich voran, ohne zu wissen, wohin.
Da, für einen kurzen Augenblick, lichtete sich der Nebel. Und die Magd erblickte einen großen, dunklen Stein – und da wusste sie mit einem Mal, wo sie war: Sie stand vor der Schmirner Wand, jener Wand, von der die Verwandten gesprochen hatten. Und im selben Moment erkannte sie im Grau die Umrisse einer Gestalt.
Zögernd, das Herz voller Furcht und Hoffnung zugleich, ging sie darauf zu. Und wie erleichtert war sie, als sie sah, dass es nur eine alte Frau war. Höflich grüßte die Magd und bat sie demütig, ob sie hier wohl eine Weile rasten dürfe. Die Alte nickte nur stumm.
So setzte sich das Mädchen und nahm ihr Bündel auf den Schoß. Da begann die alte Frau leise und traurig zu erzählen: Sie sei drunten in Schmirn von Haus zu Haus gegangen und habe um ein Stück Brot gebeten. Doch weil sie nichts zu zahlen hatte, sei sie überall abgewiesen und fortgeschickt worden. Und nun bat sie das junge Mädchen um ein kleines Stück von ihrem Brot.
Die Magd besann sich keinen Augenblick. Zwar war das Brot in ihrem Bündel alles, was sie für den langen Heimweg hatte – doch ohne zu zögern brach sie es und teilte es mit der armen Alten. Ja, sie entschuldigte sich sogar, dass sie ihr nicht von selbst gleich etwas angeboten hatte.
Stillschweigend aß die alte Frau. Und als sie fertig war, erhob sie sich und gab der Magd ein Zeichen, ihr zu folgen.
Und nun geschah das Wunderbare. Die alte Frau ging voran, sicher und ohne zu zögern, mitten durch den schuhtiefen Schnee und den dichten Nebel, als kenne sie jeden Stein und jede Wegbiegung. Die Magd folgte ihr, und beide stiegen höher und immer höher. Nach einer Weile standen sie oben auf dem weiten Plateau des Tuxer Jochs. Unbeirrt führte die Alte sie weiter, bis hinüber zum Gatterlegg.
Dort riss der Nebel auf. Und tief drunten in der Niederung sah die Magd die spärlichen Lichter von Hintertux blinken – die Lichter ihrer Heimat. Vor Freude und Dankbarkeit fiel sie der alten Frau um den Hals.
Doch da erschrak sie: Ihr Bündel! In der Aufregung hatte sie es unten am Rastplatz vor der Schmirner Wand liegen lassen – ihre Habseligkeiten, ihr ganzer Lohn, alles war fort. Was würde der Vater sagen? Wovon sollte die Familie den Winter überstehen?
Die alte Frau aber tröstete sie sanft: „Mach dir keine Sorgen, mein Kind. Niemand wird dich schelten.“ Und ehe die Magd sich versah, war die Alte im Nebel verschwunden.
Schweren Herzens, doch dankbar für ihre Rettung, machte sich das Mädchen an den letzten Abstieg und kam spät am Abend in ihrem Elternhaus an, wo man sie voller Freude empfing. Von der Müdigkeit überwältigt, schlief sie noch am Stubentisch ein.In jener Nacht aber setzte der Föhn ein. Zuerst nur zaghaft, dann immer mächtiger, bis er nach Mitternacht zum tosenden Sturm anwuchs. Der warme Wind fegte alle Novemberwolken davon, und der neue Tag brach an, so schön und golden, wie man es im Spätherbst kaum je erlebt. In den Höhen aber schmolz der Schnee, und die Wege wurden wieder frei und trocken.
Zwei Tage danach – die Hintertuxer waren gerade dabei, die vom Sturm zerzausten Dächer auszubessern – schickte der Batzenbauer seine ältesten Buben hinauf zum Leitenstall, um nach dem Dach zu sehen. Als die Burschen ihre Arbeit getan hatten und wieder zu Tal steigen wollten, begegneten ihnen oberhalb von Hintertux drei vornehm gekleidete Frauen. Sie sahen aus, als wären sie von adeligem Stand, und eine von ihnen trug ein großes Bündel.
„Wo finden wir in Hintertux den Batzenbauern?“, fragte eine der Frauen.
„Kommt mit“, antworteten die Buben verwundert, „wir zeigen euch den Weg.“ Und gemeinsam gingen sie hinab ins Dorf.
Daheim waren die Mutter und die Magd gerade dabei, ein bescheidenes Mittagessen anzurichten, als die drei Frauen mit den Buben in die Küche traten. Auch der Vater kam eben herein. Er betrachtete die noblen Damen und fragte, was sie wünschten.
„Wir suchen den Batzenbauern“, sagte eine.
„Der bin ich“, antwortete der Mann. „Ihr habt einen weiten Weg hinter euch und seid gewiss hungrig. Wir haben nur ein karges Mahl, doch ich bitte euch, mit uns zu essen.“
Und so setzten sich alle zu Tisch, machten das Kreuzzeichen, und die Mutter schöpfte allen von der Milchsuppe aus der großen Schüssel. Man aß schweigend. Als sie fertig waren, gingen der Vater und die drei Damen in die Stube. Eine von ihnen legte das große Bündel auf den Tisch.
Der Bauer fragte, ob sie vielleicht zum Gefolge des Grafen von Matrei gehörten und warum sie zu so später Jahreszeit noch über das Joch gestiegen seien – bei Schnee und Sturm.
„Guter Mann“, erwiderte eine der Frauen mit einem feinen Lächeln, „uns kann kein Wetter etwas anhaben, kein Schnee und kein Wind. Ruf uns deine Tochter!“
Die Magd trat in die Stube. Und die Frauen öffneten das Bündel. Wie staunte das Mädchen, als sie darin alle ihre verlorenen Habseligkeiten wiederfand! Und nicht nur das – dazu legten die Frauen einen ganzen Ballen feinen Loden auf den Tisch, ein Wirktuch und viele nützliche Dinge mehr. Dem Vater verschlug es die Sprache. Endlich stammelte er: „Womit habe ich das nur verdient?“
„Du nicht, Bauer“, antwortete die Frau. „Deine Tochter hat es verdient. Sie gab mir von ihrem letzten Brot und zeigte Dankbarkeit, als ich sie im Nebel über das Joch führte. Sie ist ein gutes Kind.“
Und sie reichten der Magd ein glänzendes Goldstück und mahnten sie: „Sei sparsam damit.“
Die Brüder aber waren neugierig geworden und wollten wissen, wohin die drei Damen gehörten. Sie liefen ihnen heimlich nach und versteckten sich in einer Mulde am Joch. Und siehe – nicht lange, da kamen die drei Frauen über den Jochboden herangeschwebt, die Füße kaum den Boden berührend. Der Jochwind trug ihre Worte herüber, sodass die Buben alles verstehen konnten.
„Wenn jemand gut zu uns ist“, sagte die eine, „so soll ihm niemals ein Leid geschehen.“
Im nächsten Augenblick waren die Frauen verschwunden. Die Buben schlichen an den Rand des Grates und sahen gerade noch, wie die drei am Fuß des Schmirner Schrofens verschwanden – geradewegs in den Fels hinein.
Sofort eilten sie heim und erzählten, was sie gesehen hatten. Und von jener Zeit an hörte man immer öfter von Wanderern, die auf wundersame Weise aus höchster Bergnot gerettet worden waren, und von verirrten Tieren, die man auf unerklärliche Weise wiederfand. Und immer, so hieß es, sei eine Frau im Spiel gewesen, die zuletzt im Schmirner Schrofen verschwand.
Von dieser Zeit an nennen die Leute jenen Schmirner Schrofen nur noch die Frauenwand.








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