EGL112 Tuxer Sagen I – Die Gefrorene Wand
Auf unserer Hüttentour durch die Tuxer Alpen hat Flo etwas ganz Ortsverbundenes mitgebracht: die Sagen dieser Gegend, präsentiert Flo vor genau der Landschaft, aus der sie stammen. Anders als das Märchen trägt die Sage stets einen Wahrheitskern in sich: konkrete Orte, reale Figuren, geschichtliche Bezüge. Sie kennt kein tröstliches "Wenn sie nicht gestorben sind …". Hier geht auch schlecht aus, was schlecht ausgeht. Während unser Blick über die raue Bergwelt schweift, malen wir uns aus, wie aus einem Massiv ein schlafender Riese wird. Denn im Zentrum der Tuxer Sagen kommt es immer wieder zum selben Dreiklang: Landschaft, Naturgewalt und Schicksalsgemeinschaft. Die Natur erscheint dabei ambivalent, sie kann strafen und ebenso helfen. Und sie ist, ganz ähnlich wie im asiatischen Animismus, beseelt: bevölkert von Berggeistern, rätselhaften Frauen und Felswänden, die noch die Kratzspuren alter Geschichten tragen. Der Mensch ist in dieser übermächtigen Umgebung nur ein winziges Körnchen und sollte sich in Demut üben. In dieser Folge widmen wir uns der Sage von der gefrorenen Wand: der Geschichte einer reichen Alm, deren Bewohner übermütig werden, die Kirche verhöhnen und schließlich Butterkugeln ins Tal schleudern. Hochmut und die Verschwendung kostbarer Lebensmittel werden hart bestraft. Zwei weitere Sagen heben wir uns für die nächste Folge auf.
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Transcript
Die Gefrorene Wand
Es ist lange her, so lange, dass keiner mehr den Namen jener Menschen kennt, die damals lebten. Doch die Alten erzählen es ihren Kindern noch heute, und die Kinder erzählen es weiter, denn der Berg, um den es geht, steht ja noch immer da – man muss nur hinaufschauen.
Versteckt im hintersten Winkel des Tuxertals, dort, wo heute das Spannagelhaus in den Wind gestellt ist, lag einst die schönste und größte Alm des ganzen Tales. Wer sie sah, dem ging das Herz auf. Die Wiesen leuchteten so saftig grün, dass es in den Augen schmerzte, und das Vieh war so wohlgenährt, wie man es nirgends sonst gesehen hatte. Wenn die Almer am Abend ihre Kühe melkten, da floss die Milch nicht dünn und bläulich in die Kübel, wie es bei armen Leuten der Fall ist – nein, sie floss dick und gelb wie der reinste Rahm aus den Eutern, und der Duft von frischer Butter lag über der ganzen Alm.
Niemand musste hungern in jenen Tagen. Bis weit hinaus ins Zillertal wurden die Menschen mit Butter, Käse und Milch von dieser einen Alm versorgt, und man nannte sie glücklich, die dort oben ihr Vieh hüten durften.
Doch, wie es so geht, wenn der Mensch es allzu gut hat: Die Almer wurden übermütig. Sie wurden faul, und sie wurden hochmütig, und schließlich vergaßen sie sogar den lieben Herrgott, dem sie all ihren Reichtum zu verdanken hatten.
Es war an einem Sonntagmorgen. Unten im Dorf läuteten die Kirchenglocken zur heiligen Messe, hell und klar stieg ihr Klang die Berge herauf. Doch die Almer lagen faul auf ihren Strohbetten, gähnten und streckten sich und dachten gar nicht daran, den weiten Weg hinunter ins Dörflein zu gehen, um dem Herrgott für seine Güte zu danken.
„Was brauchen wir in die Kirche gehen“, sagte einer, der gottloseste von allen, und lachte, „wo wir doch hier oben mehr zu essen haben, als wir je verbrauchen können!“
Und ein schallendes Gelächter erhob sich, das von der Alm bis hinunter ins Dorf zu hören war.
Nur zwei von ihnen besannen sich noch rechtzeitig. Sie erschraken über die frevelhaften Worte, sprangen auf und liefen, so schnell sie ihre Beine trugen, den Berg hinab zur Kirche, um die Messe nicht zu versäumen. Die anderen aber riefen ihnen höhnisch nach: „Betbrüder! Betbrüder!“, und wieherten vor Lachen.
Dann standen sie auf von ihren Strohbetten, und weil ihnen langweilig war, fingen sie mit teuflischem Übermut an, die großen, fetten Butterkugeln herumzuwerfen. Jauchzend und mit gottverlassener Freude schleuderten sie die Butter über die grünen Wiesen, bis die Kugeln an den Baumstämmen zerplatzten. Als ihnen auch das noch zu langweilig wurde, da rollten sie die kostbaren Butterkugeln den Hang hinunter, dem Dorf entgegen – und zielten geradewegs auf das kleine Kirchlein, in dem eben die Messe gefeiert wurde.
Die erste Kugel traf die Kirchentür.
Und im selben Augenblick zerriss ein furchtbarer Donner den Himmel. Es krachte, als bräche die Welt entzwei. Ein Blitz nach dem anderen schlug in den Boden, und schwarze Wolken, wie man sie noch nie gesehen hatte, wälzten sich über die Alm und hüllten sie ein. Zuerst kam der Regen, in Strömen, dann kam der Schnee – und der Schnee hörte nicht mehr auf.
Drei Tage und drei Nächte schneite es ohne Unterlass. Und als es am dritten Tag endlich still wurde und der Schnee aufhörte zu fallen, da war die Alm verschwunden. Wo eben noch das saftige Grün bis ins Tal geleuchtet hatte, lag nun eine meterhohe, weiße, tote Decke aus Eis und Schnee. Darunter aber, für immer begraben, lagen die frevelhaften Almer mit all ihrem Übermut.
Der Berg war erstarrt. Und von jenem Tag an nennen ihn die Leute nur noch die Gefrorene Wand.
Und wenn du heute hinaufschaust zu ihr, zu dem grauen Eis, das dort oben liegt, wo einst die schönste Alm des Tales war – dann denke an die Almer, die vergaßen, wem sie zu danken hatten. Der Berg hat es nicht vergessen.









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