EGL112 Tuxer Sagen I – Die Gefrorene Wand

Wie die Landschaft der Tuxer Alpen ihre Sagen erzeugt

Auf unserer Hüttentour durch die Tuxer Alpen hat Flo etwas ganz Ortsverbundenes mitgebracht: die Sagen dieser Gegend, präsentiert Flo vor genau der Landschaft, aus der sie stammen. Anders als das Märchen trägt die Sage stets einen Wahrheitskern in sich: konkrete Orte, reale Figuren, geschichtliche Bezüge. Sie kennt kein tröstliches "Wenn sie nicht gestorben sind …". Hier geht auch schlecht aus, was schlecht ausgeht. Während unser Blick über die raue Bergwelt schweift, malen wir uns aus, wie aus einem Massiv ein schlafender Riese wird. Denn im Zentrum der Tuxer Sagen kommt es immer wieder zum selben Dreiklang: Landschaft, Naturgewalt und Schicksalsgemeinschaft. Die Natur erscheint dabei ambivalent, sie kann strafen und ebenso helfen. Und sie ist, ganz ähnlich wie im asiatischen Animismus, beseelt: bevölkert von Berggeistern, rätselhaften Frauen und Felswänden, die noch die Kratzspuren alter Geschichten tragen. Der Mensch ist in dieser übermächtigen Umgebung nur ein winziges Körnchen und sollte sich in Demut üben. In dieser Folge widmen wir uns der Sage von der gefrorenen Wand: der Geschichte einer reichen Alm, deren Bewohner übermütig werden, die Kirche verhöhnen und schließlich Butterkugeln ins Tal schleudern. Hochmut und die Verschwendung kostbarer Lebensmittel werden hart bestraft. Zwei weitere Sagen heben wir uns für die nächste Folge auf.

Shownotes

Mitwirkende

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Florian Clauß
Erzähler
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Micz Flor

Transcript

Micz Flor
0:00:01–0:00:04
Ich bin ja sehr gespannt. Jetzt bin ich ja langsam wieder wach.
Florian Clauß
0:00:17–0:00:19
So, dann lasse ich mal,
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klatschen.
Micz Flor
0:00:23–0:00:31
Okay, Achtung mal. Hallo und herzlich willkommen zu Eigentlich Podcast, Episode 112.
0:00:32–0:00:37
Wir grüßen euch von, wo sind wir gerade, 1790 Meter oder so?
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In den Traxlner Alpen, ne wie heißen die Traxlner? Tuxla, Tuxla,
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Tuxla, genau. Tuxla Alpen.
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Blo und ich sind auf einer kleinen Bergwandertour, Hüttentour unterwegs.
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Und ja, nehmen dann ein paar Episoden auch auf, weil die Uridee von,
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eigentlich Podcast kam ja vom Wandern, der Slogan heißt, beim Laufen reden und laufend reden.
Florian Clauß
0:01:05–0:01:06
Richtig.
Micz Flor
0:01:06–0:01:09
Und in den Bergen können die Gedanken wandern.
0:01:10–0:01:13
Und ich weiß nicht, worum es geht, aber Flo hat mich so ein bisschen angeteasert,
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hat gemeint, es habe irgendwie mit mir zu tun oder ich sei irgendwie Teil davon?
Florian Clauß
0:01:18–0:01:22
Nee, es hat was mit hier zu tun.
Micz Flor
0:01:22–0:01:23
Mit hier zu tun?
Florian Clauß
0:01:23–0:01:26
Nein, nicht mit mir oder mit, sondern mit hier.
Micz Flor
0:01:27–0:01:29
Ah, okay, mit hier. Aber irgendwie fühlte ich mich angesprochen.
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Jetzt bin ich mal sehr gespannt.
Florian Clauß
0:01:31–0:01:36
Eine kleine Überraschung, ja. Ja, und zwar, ich möchte tatsächlich eine Reihe
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fortsetzen, die wir auch gemeinsam bespielt haben.
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Und wir begeben uns wieder in die Welt der Sagen, Mythen und Märchen.
Micz Flor
0:01:46–0:01:46
Ah, nice.
Florian Clauß
0:01:46–0:01:51
Yes. Mir ist das so entgegengesprungen, als ich dann halt so geguckt habe.
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Tuxa Alpen und hier gibt es den Tuxa Sagenweg.
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Dann habe ich natürlich weiter geguckt und ich habe einem drei Sagen mitgebracht,
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die wir uns dann computergeneriert wieder anhören werden und über die ich mit
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dir dann gemeinsam sprechen möchte.
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Wieder voll in die Interpretation, Analyse, Psychoanalyse, was da alles drin
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ist, was da dann für sexuelle Sachen konnotiert sind.
Micz Flor
0:02:20–0:02:24
Also bei den Tirolern, da kenne ich sie gar nicht. Tiroler, Tirolerin.
Florian Clauß
0:02:24–0:02:28
Aber wir müssen ja sagen, wir sind nicht in der Welt der Märchen,
0:02:28–0:02:31
sondern wir bewegen uns in die Welt der Sagen.
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Die Tuxa-Alpen, deswegen habe ich gestern noch gefragt auf der Hütte,
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warum heißt das hier Stille?
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Was war das, Tuxa? Stille Tuxa, da hinten in einer anderen Hütte, wo wir vorher waren.
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Und die haben dann gesagt, ja, das ist eigentlich eher eine Marketingidee,
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Aber das ganze Gebiet ist eher nicht so frequentiert,
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ein bisschen stiller, ein bisschen ruhiger, ein bisschen ab vom Schuss,
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obwohl wir recht volle Hütten haben.
Micz Flor
0:03:01–0:03:03
Ich würde sagen, die Hütten sind echt ziemlich top.
0:03:04–0:03:10
Also eher so eingerichtet, dass das alles flutscht so. Aber es sind kleine.
Florian Clauß
0:03:10–0:03:13
Klar sind nicht die Größen von Kain. Ihr habt gerade ein Auto vorbeifahren hören.
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Also hier kommt man auch mit dem Auto lang. Also das ist insofern,
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wenn du dich hier so umguckst, diese Landschaft ist ja schon ergreifend.
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Wir haben jetzt auch tatsächlich, dass die Wolken mal, dass hier aufgeklart
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ist, dass wir so ein bisschen Sicht haben.
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Und jetzt ist der Einstieg so.
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Also die Landschaft, die Landschaft erzeugt die Geschichten, ja.
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Und was könnten halt so diese Berge für Sagenfiguren darstellen?
Micz Flor
0:03:47–0:03:50
Okay, also da würde ich natürlich erst mal, wenn wir in Norwegen wären,
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auf Trolle tippen. Aber weil wir nicht in Norwegen sind, würde ich dann eher
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so Richtung Riese gehen.
Florian Clauß
0:03:54–0:03:58
Ja, genau, der Tuxer Riese. Das ist eine Sage, die ich auch mitgebracht habe.
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Die hören wir uns dann gemeinsam an.
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Gestern waren wir am Tisch gemeinsam mit einer anderen Gruppe und die wollten
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über das Tuxer Joch steigen.
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Dann gibt es auch eine Geschichte über das Tuxer Joch. Generell muss man ja
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sagen, im Alpenraum sind ja auch spezielle Bedingungen.
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Also das Ganze hier im Winter ist mehr oder weniger gut zugänglich.
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Die Leute, die hier wohnen, das ist auch mehr oder weniger eine Schicksalsgemeinschaft,
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die einfach sehr abhängig von der Natur sind.
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Und da bilden sich auch die Geschichten drumherum.
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Es gibt natürlich alle möglichen Bedrohungen, die auch einprasseln. Lawinen, Steinschlag.
0:04:44–0:04:49
Dann die Föhnstürme sind tatsächlich hier. Hier gibt es halt auch wirklich diese
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Föhnwand, die hier rüber ragt.
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Das ist auch sowas, was aus dem Nichts passieren kann. Das ist auch dieser Effekt.
0:04:56–0:05:00
Wir laufen da lang, gerade strahlendes Wetter. Und auf einmal, wir sind eine Wolke.
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Und es kann anfangen zu schneien. Also wirklich diese Umschläge sind,
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du wirst da hin und her geworfen.
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Und diese Sagen hier in diesem Bereich...
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Die helfen so ein bisschen, das zu kultivieren und geben auch so gewisse Anweisungen mit.
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Und man muss auch sagen, dass Sagen unterscheiden sich in Märchen, grundlegend.
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Weil die Sagen haben immer auch einen wahren Kern.
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Also die heißen jetzt auch der Tuxer Riese oder es kommt das Tuxer Joch vor.
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Es gibt eine Lokalisierung, es gibt auch Figuren, die man kennt.
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Und es geht nicht immer alles gut aus. Es ist nicht dieses Märchenversprechen,
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Ende gut, alles gut, sondern in Sagen kann halt alles Mögliche passieren noch.
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Und es hat eben, wie gesagt, diesen Realitätsbezug.
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Deswegen möchte ich da nochmal die Sagen abheben.
Micz Flor
0:05:55–0:05:59
Ja, ich kenne mich da nicht so genau aus, aber ich hatte auch mal was schon
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rausgegraben, dann aber nicht weiter gelesen.
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Es gibt von Walter Benjamin so einen Text über einen Erzähler,
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also Märchenerzähler der Vorträge.
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Und der hat dann da drin so einmal ausgesprochen, hat dazu gesagt,
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der Unterschied zwischen Mythen und Märchen ist halt, dass die Mythen sind roh
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und unverbraucht und überwältigend so und das Narrativ macht daraus dann Märchen.
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Also die Märchen sind quasi schon eine Domestizierung und sind überhaupt erst
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die Möglichkeit, auch mit diesen Mächten quasi irgendwie umzugehen,
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nicht so ausgeliefert zu sein.
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Ich weiß nicht genau, was die sagen,
0:06:32–0:06:34
die sind irgendwo so dazwischen wahrscheinlich, ich weiß nicht genau.
Florian Clauß
0:06:34–0:06:38
Ja, ja, ich glaube auch, also die Mythen sind ja auch, die sind wahrscheinlich
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noch archaischer. Also der Erzählkern ist dann wahrscheinlich in einer Zeit,
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wo es noch nicht eine Verschriftlichung gab.
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Also es ist auch so, dass man sagt dann bei einigen Sagen, das geht halt schon
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so weit in die Zeit zurück.
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Und dann erst später wurde es dann aufgeschrieben, weitererzählt.
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Da gibt es auch eine Person hier im Tiroler Raum.
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Das ist nämlich Ignaz Vinzenz Zingerle. Und der hat von 1825 bis 1892 gelebt.
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Und das ist so der Tiroler Grimm.
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Der hat dann auch diese ganzen Sagen gesammelt, ein Buch veröffentlicht.
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Das ist halt auch so der, wir hatten das ja schon bei den Märchen,
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die Grimms Märchenbuch, dass zu der Zeit ja eigentlich die Grimm,
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die Germanistik so oder mehr oder weniger dann auch als Fach dann entwickelt haben.
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Und das auch systematisch akademisch aufbereitet haben mit diesem Hausmärchenbuch.
Micz Flor
0:07:37–0:07:41
In Berlin haben wir im Hintergrund immer viele Autos. Hier hatten wir zwei,
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aber jetzt vor allen Dingen Kuh-Glocken.
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Die kommen jetzt wieder auf uns zu. Die sind an uns interessiert,
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weil niemand steht wie wir schweigend im Gespräch vertieft zwischen den Kühen auf der Wiese.
Florian Clauß
0:07:56–0:08:00
Genau, also der Zingerli hat das dann hier so mehr oder weniger kultiviert und
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dann halt auch so den Grundstand.
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Es gab dann in den 1950er Jahren noch so andere Personen, die das dann halt
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auch weiterentwickelt haben.
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Und dieses Tuxa, das ist hier der Sagenraum und da ist vor kurzem halt dieser
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Sagenwanderweg auch eingeleitet worden oder hat sich hier geschaffen.
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Die konkreten Erzählungen, die ich jetzt dann auch so mitgebracht habe,
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die sind dann in so mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Zeit gewachsen.
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Und die greihen sich eigentlich auch an diesen Wandersaalen europaweit ein.
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Also man kann dann immer sagen, es gibt dann bestimmte Motive,
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die dann nochmal so ein lokales Gewand bekommen.
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Aber hier gibt es dann halt nochmal so spezielle Stellen, wo das sich tatsächlich
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noch mal in die Landschaft einschreibt.
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Deswegen wird es dann schon so ein bisschen realer, sag ich mal.
Micz Flor
0:08:56–0:08:57
Ja, ich bin gespannt.
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Ich mache das eigentlich immer auch gerne. Es gibt ja für jedes Gebiet,
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Märchen und Sagen aus dem Odenwald.
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Ich lese sie immer ganz gerne. Ich überlege gerade, warum ich sie ganz gerne lese.
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Vielleicht sogar, weil die ja wirklich eben aus der Zeit kommen,
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wie du auch beschreibst, weil das so alles noch sehr lokal gedacht ist.
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Also diese ganzen Bezüge, auch kulturelle Bezüge, es gibt so einen Hintergrund,
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was ein Märchen ist, wie es funktioniert und sicherlich wurden Märchen auch
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umgereicht und sicherlich gibt es auch vergleichbare, das hatten wir bei Schneewittchen, glaube ich,
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dass das irgendwie in unterschiedlichen Regionen trotzdem sehr ähnlich war.
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Aber es hat immer noch das, was du sagst, Hier in einem Tal ist halt dieses eine Tal.
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Und wenn da was ist, wie bei Michel aus Lonneberger, ein Schneesturm,
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und da muss aber den Knecht auf dem Schlitten mit dem Pferd zum Doktor fahren,
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dann muss man da halt rausfahren. Eben, ja. Das ist so archaische Kräfte, die da einmachen.
Florian Clauß
0:10:02–0:10:06
Ja, mehr als dann so eine kultivierte Stadtlandschaft, wo die Infrastruktur heißt.
Micz Flor
0:10:06–0:10:12
Da haben wir gestern auf der Hütte auch schon gesprochen, wie viele Helis gibt
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es eigentlich in der Bergwacht, gar nicht in der Bergwacht.
Florian Clauß
0:10:15–0:10:16
Ja, genau.
Micz Flor
0:10:16–0:10:20
Gelernt, dass in München alle drei Heli-Leute Christoph heißen mit vollem Namen.
Florian Clauß
0:10:20–0:10:26
Nee, nicht die Heli-Leute, die Helis heißen so. Christoph, Monau.
Micz Flor
0:10:26–0:10:28
Ah, ich dachte, die lassen sich...
Florian Clauß
0:10:28–0:10:30
Die kannst du so adressieren.
Micz Flor
0:10:30–0:10:33
Aber es ist interessant, weil man auf der Hütte trotzdem scheinbar immer noch
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über die Bedrohung, über die Berge, über die Dinge, die schief gehen können, redet.
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Es sterben ja immer auch Menschen in den Bergen, auch in den Städten,
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aber hier hat es irgendwie immer noch was, Vielleicht ein anderes Gewicht,
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das ist irgendwie immer gebunden an was ist da schiefgelaufen,
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warum war niemand da, wie konnte das passieren?
Florian Clauß
0:10:53–0:10:58
So, genau, also das war jetzt mal so ein bisschen so dieser historische Schlag, ne,
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und jetzt wollte ich so einsteigen in die, also was so motivübergreifend ist,
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ne, also was dann auch in einigen, in einigen von diesen Sagen dann halt auch mehrfach vorkommt.
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Also Riesen haben wir ja schon erwähnt.
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Riesen sind im Prinzip beseelte Berge.
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Das ist so diese Projektion des Überwältigenden. Also man sieht das halt.
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Also du kannst ja auch, das könnte hier da oben so ein schlafender Riese sein.
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Ich meine, Riesen haben ja auch eine eigene Kulturgeschichte.
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Da habe ich jetzt nicht so viel rausgeholt. Aber du hast ja die Riesen,
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die jetzt zum Beispiel in der griechischen Mystik kämpfen, die gegen die Götter.
0:11:44–0:11:51
Oder du hast, ja gut, das mit Odysseus und wir haben ja da dieser Zyklop,
0:11:51–0:11:57
der Zyklopenriese, der im Prinzip auch eher so ein Tumpertyp ist.
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Odysseus schafft es ihnen dann auch übers Ohr zu hauen. Ja, niemand hat mich
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geblendet, keiner hat es gesehen.
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Ja, stimmt. Nur dieser Ausruf. Aber trotzdem Riesen haben wir eine unglaubliche Kraft einfach.
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So wie die Berge auch eine Kraft einfach haben.
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Was hier auch dazu kommt, ist eben, dass die ganze Landschaft,
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früher zumindest mehr als heute, in Eis und Schnee fast über die Hälfte des
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Jahres dann auch bedeckt war.
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Also das heißt, da hast du auch eine ganz andere Verkehrssituation,
0:12:32–0:12:34
eine ganz andere Versorgungssituation auch, ne?
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Und was wir auch in der, das hatten wir so ein bisschen bei den Fuchsgeistern,
0:12:39–0:12:44
aber wir haben ja im Prinzip in dieser Landschaft auch dann immer so einen Animismus,
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was wir aus dem asiatischen Raum auch kennen, die beseelte Natur,
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es lebt irgendwie so.
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Und viele sagen, muss man auch sagen, dass die so aus einer vorchristlichen Zeit kommen.
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Das wurde dann halt quasi verkristlicht dann irgendwann, so wie viel mit heidnischen,
0:13:04–0:13:09
Kulturgütern. Die wurden dann halt quasi so eingepreist in die Religion,
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weil die Leute das ja nach wie vor dann für sich so praktiziert haben.
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Aber die haben eben mehr oder weniger einen heidnischen Hintergrund.
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Ja, es gibt dann auch natürlich gute Geister, böse Geister, je nachdem.
0:13:23–0:13:28
Das saalige Fräulein ist zum Beispiel ein guter, das kommt dann auch vor.
0:13:29–0:13:32
Was ich darin aber auch ausdrücke, ist halt einfach diese Ambivalenz der Natur.
0:13:33–0:13:39
Natur kann schaffen, kann zerstören und das ist natürlich hier spürbar in dieser Landschaft.
0:13:39–0:13:43
Vielleicht auch nochmal so übergreifend, habe ich ja eh schon gesagt,
0:13:44–0:13:49
Was wir da mehrfach als Motive haben, ist diese spiegelnde Vergeltung,
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also diese poetische Gerechtigkeit. Die Strafe ist natürlich Spiegel des Vergehens.
0:13:55–0:13:59
Also es wird im Prinzip was gespiegelt und dann gibt es halt auch da eine entsprechende
0:13:59–0:14:00
Message dahinter ist, oder?
Micz Flor
0:14:00–0:14:06
Gespiegelt heißt, dass dir widerfährt, was du anderen angetan hast.
Florian Clauß
0:14:07–0:14:10
Genau, es wird quasi so. Aber es ist ja so ein übliches Motiv,
0:14:11–0:14:13
dass das so, wie du dich verhältst.
0:14:14–0:14:18
Die dann halt wieder selber dann ein Leid erfährt.
0:14:19–0:14:23
Oder aber es wird dann halt so, wie du dich verhältst, wird dann auch gezeigt,
0:14:23–0:14:26
so geht es nicht für die anderen.
0:14:27–0:14:31
Also das wird gespiegelt. Dann haben wir auch so diese...
0:14:31–0:14:39
Hybris versus Demut. Also dieses Äußerliche versus diese Ergriffenheit, die da drin hängt.
0:14:40–0:14:45
Also ich glaube, diese Dankbarkeit, also dieses Leben miteinander ist hier halt noch viel stärker.
Micz Flor
0:14:46–0:14:49
Aber Demut und Dankbarkeit sind ja nicht deckungsgleich. Das sind natürlich
0:14:49–0:14:50
zwei unterschiedliche Themen.
Florian Clauß
0:14:50–0:14:55
Diese Demut ist ja auch quasi so eine Entmächtigung.
Micz Flor
0:14:57–0:15:00
Du hast dieses Wort Schicksalsgemeinschaft gesprochen und das finde ich ist
0:15:00–0:15:03
näher so an diesem Begriff der Demut dran, dass man einfach weiß,
0:15:04–0:15:07
dass man hier gefasst ist, irgendwie eingefasst.
0:15:07–0:15:11
Das ist eine Fassung von Natur um einen herum, die einen auch beschränkt,
0:15:11–0:15:16
in dem, wo man hin kann, was man ernten kann, was man erschaffen kann und die
0:15:16–0:15:18
Arbeit, die da drin steckt.
Florian Clauß
0:15:19–0:15:22
Ja, genau. Das zieht sich an die alle durch diese drei Sagen,
0:15:22–0:15:24
die ich dann jetzt gleich mit dir durchgehen werde.
0:15:24–0:15:29
Das ist nämlich so diese Gruppe von Menschen, also diese Schicksalsgemeinschaft,
0:15:29–0:15:34
diese Dorfgemeinschaft, diese verletzlichen Menschen in dieser übermächtigen,
0:15:35–0:15:37
ambivalenten Natur dann,
0:15:38–0:15:43
so drin hängen, ja, und damit irgendwie umgehen müssen.
Micz Flor
0:15:43–0:15:45
Machen wir die hintereinander? Machen wir drei Teile?
Florian Clauß
0:15:45–0:15:47
Also ich habe gerade wieder das Gefühl.
Micz Flor
0:15:48–0:15:51
Dass wir eigentlich schon wieder zwei Episoden machen.
Florian Clauß
0:15:51–0:15:58
Ja, vielleicht. Mal gucken, wie lange das geht. Okay, dann beginnen wir mit der ersten Sage.
0:15:59–0:16:01
Und zwar ist das die gefrorene Wand.
Text2Speech
0:16:01–0:16:08
Es ist lange her. So lange, dass keiner mehr den Namen jener Menschen kennt, die damals lebten.
0:16:08–0:16:11
Doch die Alten erzählen es ihren Kindern noch heute.
0:16:12–0:16:13
Und die Kinder erzählen es weiter.
0:16:14–0:16:17
Denn der Berg, um den es geht, steht ja noch immer da.
0:16:18–0:16:23
Man muss nur hinaufschauen. Versteckt im hintersten Winkel des Tuxertals,
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dort, wo heute das Spannadelhaus in den Wind gestellt ist, lag einst die schönste
0:16:28–0:16:30
und größte Alm des ganzen Tales.
0:16:31–0:16:37
Wer sie sah, wem ging das Herz auf. Die Wiesen leuchteten so saftig grün,
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dass es in den Augen schmerzte.
0:16:39–0:16:43
Und das Vieh war so wohlgenährt, wie man es nirgends sonst gesehen hatte.
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Wenn die Alma am Abend ihre Kühe melkten, da floss die Milch nicht dünn und
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bläulich in die Kübel, wie es bei armen Leuten der Fun ist.
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Nein, sie floss dick und gelb wie der reinste Rahm aus den Eutern.
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Und der Duft von frischer Butter lag über der ganzen Alm. Niemand musste hungern in jenen Tagen.
0:17:05–0:17:09
Bis weit hinaus ins Zillertal wurden die Menschen mit Butter,
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Käse und Milch von dieser einen Ein versorgt und man nannte sie glücklich,
0:17:15–0:17:17
die dort oben ihr Viehhüten durften.
0:17:18–0:17:24
Doch wie es so geht, wenn der Mensch es allzu gut hat, die Alma wurden übermütig.
0:17:25–0:17:31
Sie wurden faul und sie wurden hochmütig. Und schließlich vergaßen sie sogar
0:17:31–0:17:36
den lieben Herrgott, dem sie all ihren Reichtum zu verdanken hatten.
0:17:37–0:17:44
Es war an einem Sonntagmorgen. Unten im Dorf läuteten die Kirchenglocken zur Heiligen Messe.
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Hell und klar stieg ihr Klang die Berge herauf.
0:17:48–0:17:54
Doch die Almer lagen faul auf ihren Strohbetten, gähnten und streckten sich
0:17:54–0:17:59
und dachten gar nicht daran, den weiten Weg hinunter ins Dörflein zu gehen,
0:17:59–0:18:02
um dem Herrgott für seine Güte zu danken.
0:18:03–0:18:08
Was brauchen wir in die Kirche, Bien, sagte einer, der gottloseste von allen,
0:18:08–0:18:14
und lachte, wo wir doch hier oben mehr zu essen haben, als wir je verbrauchen können.
0:18:15–0:18:22
Und ein schallendes Gelächter erhob sich, das von der Alm bis hinunter ins Dorf zu hören war.
0:18:23–0:18:30
Nur zwei von ihnen besannen sich noch rechtzeitig. Sie erschraken über die frevelhaften
0:18:30–0:18:35
Worte, sprangen auf und liefen, so schnell sie ihre Beine trugen,
0:18:36–0:18:38
den Berg hinab zur Kirche,
0:18:38–0:18:41
um die Messe nicht zu versäumen.
0:18:41–0:18:46
Die anderen aber riefen ihnen höhnisch nach, »Bet, Brüder! Bet,
0:18:46–0:18:49
Brüder!« Und wir hatten vor Lachen.
0:18:50–0:18:55
Dann standen sie auf von ihren Strohbetten und weil ihnen langweilig war,
0:18:55–0:19:00
fingen sie mit teuflischem Übermut an, die großen, fetten Butterkugeln herumzuwerfen.
0:19:01–0:19:06
Jauchzend und mit gottverlassener Freude schleuderten sie die Butter über die
0:19:06–0:19:11
grünen Wiesen, bis die Kugeln an den Baumstämmen zerplatzten.
0:19:12–0:19:18
Als ihnen auch das noch zu langweilig wurde, da rollten sie die kostbaren Butterkugeln
0:19:18–0:19:20
den Hang hinunter, dem Dorf entgegen,
0:19:21–0:19:27
und zielten geradewegs auf das kleine Kirchlein, in dem eben die Messe gefeiert wurde.
0:19:28–0:19:36
Die erste Kugel traf die Kirchentür, und im selben Augenblick zerwiss ein furchtbarer Donner den Himmel.
0:19:37–0:19:40
Es krachte, als bräche die Welt entzwei.
0:19:41–0:19:45
Ein Blitz nach dem anderen schlug in den Boden, und schwarze Wolken,
0:19:46–0:19:51
wie man sie noch nie gesehen hatte, wälzten sich über die Alm und hüllten sie ein.
0:19:52–0:19:59
Zuerst kam der Hägen in Strömen, dann kam der Schnee, und der Schnee hörte nicht mehr auf.
0:19:59–0:20:05
Drei Tage und drei Nächte schneite es ohne Unterlass, und als es am dritten
0:20:05–0:20:12
Tag endlich still wurde und der Schnee aufhörte zu fallen, da war die Alm verschwunden.
0:20:13–0:20:19
Wo eben noch das saftige Grün bis ins Tal geleuchtet hatte, lag nun eine meterhohe
0:20:19–0:20:22
weiße, tote Decke aus Eis und Schnee.
0:20:23–0:20:30
Darunter aber, für immer begaben, lagen die frevelhaften Alma mit all ihrem Übermut.
0:20:30–0:20:38
Der Berg war erstarrt, und von jenem Tag an nennen ihn die Leute nur noch die gefrorene Wand.
0:20:39–0:20:45
Und wenn du heute hinaufschaust zu ihr, zu dem grauen Eis, das dort oben liegt,
0:20:45–0:20:50
wo einst die schönste Alm des Tales war, dann denke an die Almer,
0:20:50–0:20:53
die vergaßen, wem sie zu danken hatten.
0:20:54–0:20:56
Der Berg hat es nicht vergessen.
Florian Clauß
0:20:56–0:21:05
So, interessant. Das ist aber, ja gut, das ist schon recht klar, was da erzählt wird.
Micz Flor
0:21:05–0:21:07
Aber laufen wir da vorbei?
Florian Clauß
0:21:07–0:21:12
Nee, das ist tatsächlich Tux und hinter Tux ist jetzt hier drüber.
0:21:12–0:21:16
Also das ist quasi das andere Bergkamm, das ist Richtung Zillertal,
0:21:16–0:21:20
wo die anderen Gruppen, Tuxerjoch, rübergegangen sind und das ist Tux dann.
Micz Flor
0:21:20–0:21:24
Ah, okay. Ich dachte, weil wir dann in diesem Bereich hier, wo die gestern meinten,
0:21:24–0:21:27
das sieht aus wie eine Mondlandschaft. Das hatte ich so innerlich als Bild.
0:21:27–0:21:32
Das ist ja auch ein Teil der Richtung Süden im Zillertal, also ins Zillertal.
Florian Clauß
0:21:32–0:21:37
Ja, das geht dann eher ins Zillertal übrig. Das ist dann eher in diese Richtung
0:21:37–0:21:40
hier. Also da ist das, also es ist halt alles sehr nah hier.
0:21:41–0:21:43
Das ist ganz schön, diese Geschichte.
0:21:43–0:21:49
Also ich meine, was hier natürlich so diese Verchristlichung ist hier ganz stark, das Motiv.
0:21:51–0:21:54
Aber was ich dann immer so interessant finde, ist halt einfach so diese,
0:21:55–0:22:00
diese Bedeutung von Kalorien. Und das ist ja, Butter ist ja quasi,
0:22:00–0:22:03
das ist das, was du brauchst, um überleben zu können.
0:22:04–0:22:09
Du brauchst ja irgendwie, gerade hier, wir sind auch viele Höhenmeter gelaufen,
0:22:09–0:22:12
du musst ja irgendwie das wieder füttern.
0:22:12–0:22:16
Und gerade hier, wo du halt immer hoch und runter läufst, bist du ja noch viel
0:22:16–0:22:20
mehr darauf angewiesen. Deswegen ist Butter quasi das Gold der Alm.
0:22:21–0:22:26
So wird es ja auch häufig verkauft. Aber Butter ist halt so diese Essenz,
0:22:26–0:22:30
die halt das Überleben einfach auch da zeigt.
0:22:30–0:22:32
Und dann natürlich der Überfluss.
0:22:33–0:22:37
Also wenn dann halt die alle so ein bisschen frei drehen, wir haben alles,
0:22:37–0:22:41
ja, so ein bisschen Milch und Honig und mir ist langweilig. Und dann machen
0:22:41–0:22:45
sie halt auch diese Analogie von Lawinen und Butter.
0:22:45–0:22:49
Und das ist irgendwie strahlender Sonnenschein. Sonnenschein und auf einmal,
0:22:49–0:22:53
in dem Moment, schlägt es den Schnee um und es schneit drei Tage.
0:22:53–0:22:59
Das ist ja auch eine reale Situation, die du in den Bergen hast. Und dann ist die Alm weg.
0:23:00–0:23:04
Die hedonistischen Eimer sind dann quasi bestraft und die Eimer ist verschwunden.
Micz Flor
0:23:04–0:23:07
Und wahrscheinlich ist das wirklich auch ein Gletscher gewesen,
0:23:07–0:23:11
also weil der ja dann die, also die gefrorene Wand blieb ja dann liegen.
0:23:11–0:23:16
Also das ist dann die Gletscher, den es jetzt so wahrscheinlich vielleicht auch gar nicht mehr gibt.
0:23:16–0:23:18
Deshalb keine Ahnung, wo das irgendwie war.
Florian Clauß
0:23:18–0:23:19
Ja.
Micz Flor
0:23:19–0:23:22
Ja, also was ich habe natürlich, weil du vorher meintest, dass es hier alles
0:23:22–0:23:26
noch so, das Christliche, das hattest du ja am Anfang so ein bisschen ausgeklammert.
0:23:26–0:23:29
Du hast gemeint, das ist hier nicht so Thema, es geht hier so um Ventur.
0:23:29–0:23:33
Aber das war ja sehr stark so. Und gleichzeitig war es so der Berg.
0:23:33–0:23:34
Also auf der einen Seite haben wir den Berg.
0:23:35–0:23:38
Und auf der anderen Seite haben wir diese kleine, kleine Kirche unten im Dorf,
0:23:38–0:23:42
die kaputt geht, wenn Butter dagegen holt. Also irgendwie war das,
0:23:42–0:23:45
vom Gefühl her musste die Kirche beschützt werden. Die hatte nicht wirklich Macht.
Florian Clauß
0:23:45–0:23:49
Nein, die geht ja nicht kaputt. Sondern das ist ja quasi in dem Moment,
0:23:49–0:23:53
wenn dann halt diese Butter, dann fängt quasi der Connect. Dann hast du halt
0:23:53–0:23:56
die 320.000 Volt, die dann abgeben.
Micz Flor
0:23:57–0:23:59
Aber die Butter zerstört noch die Tür?
Florian Clauß
0:23:59–0:24:00
Nein, nein, die knallt an die Tür.
Micz Flor
0:24:00–0:24:01
Ah, okay.
Florian Clauß
0:24:01–0:24:05
Die knallt an die Tür, die zerstört es nicht. Das ist ein großer Schlag.
0:24:05–0:24:09
Und in dem Moment ist halt diese direkte Betroffene, also da hast du quasi diese
0:24:09–0:24:15
sensible Stelle dann getriggert, die dann halt zur Bestrafung dann führt.
Micz Flor
0:24:16–0:24:20
Also in mir entstand so das Bild von einer Zeit, in der die erste kleine Kirche
0:24:20–0:24:23
gebaut war und irgendwie passt das alles noch nicht so richtig zusammen.
0:24:23–0:24:26
Und die Geschichte erzählt jetzt aber, währt das nochmal auf.
0:24:26–0:24:28
Aber es ist halt nicht so, dass die Kirche die Macht hat.
0:24:29–0:24:31
Und das, was dann böse wird, ist ja auch der Berg.
0:24:32–0:24:36
Also da ist ja so eine Verbindung zwischen dieser kleinen Kirche,
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die scheinbar im Entstehen ist, wo manche schon hingehen, manche nicht. Aber...
0:24:41–0:24:46
Die Almer, die dann vom Berg bestraft werden, sind ja die, die sich da die Kirche
0:24:46–0:24:49
verhöhnen und so. Und dann halt diese Todsünden, einige davon irgendwie.
0:24:49–0:24:55
Also Faulheit und keine Ahnung, was das ist, Hochnäsigkeit. Ich weiß nicht, wie die heißt.
0:24:56–0:25:00
Also das wurde halt sehr auch explizit gemacht. Sie hatten ja auch in der Geschichte,
0:25:00–0:25:01
waren sie ja auch teuflisch.
0:25:02–0:25:05
Das wurde ja als Gegenpol auch mit reingenommen, wie sie das teuflisch gemacht haben.
0:25:06–0:25:11
Und das Bild, was ich davon hatte, war jetzt einfach wirklich eine Zeit,
0:25:11–0:25:16
in der die christliche Kirche sich hier vielleicht langsam etabliert,
0:25:17–0:25:24
und so eine Geschichte auch dazu beiträgt, dass man die große Macht der Natur,
0:25:24–0:25:28
des Berges und so, dass die alle im Endeffekt dann doch,
0:25:29–0:25:31
Teil Gottes sind.
Florian Clauß
0:25:32–0:25:36
Ja, es gibt was Übernatürliches, aber ich glaube auch die Kirche wäre austauschbar
0:25:36–0:25:41
an dem Punkt. Also es könnte dann vielleicht irgendwie vom Berg dann so eine,
0:25:42–0:25:45
Ausbuchtung sein, wo die Butter dann gegenknallt.
0:25:45–0:25:48
Ich glaube, es ist nur dieser Connect, dass dann halt quasi,
0:25:48–0:25:50
es passiert ja dann ein Naturereignis.
0:25:50–0:25:54
Es ist ja nicht die Strafe Gottes, übertragen schon irgendwie,
0:25:54–0:25:59
aber es passiert halt sowas, was auch noch so real irgendwie, also eingefroren.
0:26:00–0:26:05
Es passiert ein Unwetter und die Alm verschwindet hinter einer gefrorenen Wand.
Micz Flor
0:26:05–0:26:09
Aber ich habe schon, weil die haben es ja zuerst irgendwie so sich gegenseitig
0:26:09–0:26:13
rumgeschmissen, dann gegen die Bäume geschmissen, dass die auch dann da zerplatzt,
0:26:13–0:26:14
dann haben sie rumgerollt.
0:26:14–0:26:17
Und das hatte aber alles keine Gegenwehr.
0:26:17–0:26:20
Die Natur hatte keine Gegenwehr und dann erst in dem Moment,
0:26:20–0:26:23
wo sie dann auch was runtergerollt haben, und dann haben sich dieses fiese Wort
0:26:24–0:26:27
Beetbruder für die beiden, die da runtergerannt sind, ausgedacht.
0:26:28–0:26:32
Und er ist wirklich in diesem Connect mit der Kirche, den würde ich schon als,
0:26:32–0:26:33
wichtig sehen.
Florian Clauß
0:26:33–0:26:37
Ja, ja, doch, auf jeden Fall. Also es geht schon so um diese Überschreitung
0:26:37–0:26:43
von Grenzen und die zu einem gewissen Punkt dann, also könnten immer noch zurückkehren.
0:26:43–0:26:45
Ich glaube, es ist nicht so ein gleicher Ausschluss. Manchmal,
0:26:46–0:26:50
vielleicht hast du auch zu viel, weiß ich nicht, Haselnuschnopps getrunken und
0:26:50–0:26:53
an einem Abend bist du halt irgendwie total, und dann am nächsten okay,
0:26:53–0:26:57
komm, war halt der Abend, komm zurück in die Gemeinschaft, bist wieder einer von uns, ja.
0:26:57–0:27:02
Aber es war dann immer noch und noch und noch und noch und als sie dann ins Tal reingerollt sind.
0:27:03–0:27:06
Dann war jetzt der Sack zu, oder wie man sagt.
0:27:07–0:27:11
Dann war genau dieses Züge. Und da ist dann diese Bestrafung,
0:27:11–0:27:13
was dann halt, also ich meine, klar, haben wir ja schon gesagt,
0:27:13–0:27:16
dann die Butter, so Wintervorrat.
Micz Flor
0:27:16–0:27:19
Was halt ein lustiges Bild ist, weil man würde heute nicht mehr,
0:27:20–0:27:25
selbst wenn man diese Sage verfilmen würde, würde man wahrscheinlich sich überlegen,
0:27:26–0:27:28
Butterkugeln, ehrlich, fällt euch nichts besser so ein?
Florian Clauß
0:27:28–0:27:32
Ja, weiß ich nicht. Das finde ich nach wie vor, wenn du halt irgendwie so eine
0:27:32–0:27:37
Art Dokumentation über das Leben von irgendwie hier Tiroler Bauern siehst,
0:27:37–0:27:40
dann siehst du halt noch, wie die dann Butter stampfen.
0:27:40–0:27:44
Also das ist nicht so fern. Also ich könnte mir schon vorstellen,
0:27:44–0:27:52
das ist halt so diese Butter, Weiß, Schnee, Lawine und so, aber auch reine Kalorien.
0:27:52–0:27:57
Es passt schon ganz gut in dieses Bild und ich glaube, es könnte auch funktionieren,
0:27:58–0:27:59
wenn man es animieren würde.
0:28:01–0:28:09
Könnte funktionieren. Aber auch das, was dahinter steckt, ist ja auch die Ausstellung,
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desjenigen, der das verursacht hat, die gefrorene Wand.
0:28:12–0:28:20
Das ist ja so ein bisschen auch ein Mahnmal, das wird ja auch explizit aufgebaut.
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Du guckst auf die gefrorene Wand und dann packt dich die Demut wieder. Also fang nicht an.
0:28:25–0:28:28
Also es ist halt irgendwie so, du siehst es da.
0:28:28–0:28:35
Und das ist greifbar und das zwingt dich dann quasi auch. Es ist nicht so entfremdet.
0:28:36–0:28:41
Also das ist halt so dieses, was dann auch direkt dann da ist und dann dich
0:28:41–0:28:45
auch wieder so auf Spur bringt. Das ist halt so, glaube ich, dieser.
0:28:47–0:28:50
Schicksalsgemeinschaftsvertrag, der da geschlossen wird.
0:28:51–0:28:55
Und das ist halt auch, wenn du hier quasi, also es ist nicht ganz das Gleiche,
0:28:55–0:28:57
Aber du hast ja auch häufig an irgendwelchen,
0:28:58–0:29:02
Stellen oder du hast viele Kapellen, du hast dann halt auch so Hinweise,
0:29:02–0:29:06
hier stürzt der in den Tod und es wird halt auch immer so, es wird dann halt
0:29:06–0:29:08
auch immer gemahnt, es wird erinnert.
0:29:09–0:29:14
Und diese Erinnerungskultur, die dann halt auch einfach so eine Ehrfurcht dann mit sich bringt.
Micz Flor
0:29:16–0:29:18
Demut und Hochmut, das sind so die beiden Sachen.
Florian Clauß
0:29:18–0:29:21
Genau, Demut, Tal, Hochmut, Bär.
0:29:24–0:29:26
Ja, das war jetzt die erste Geschichte.
Micz Flor
0:29:26–0:29:28
Der Text war jetzt original von...
Florian Clauß
0:29:28–0:29:33
Nein, der war nicht original. Der ist dann irgendwo im Internet und dann noch
0:29:33–0:29:37
ein bisschen verarbeitet und so weiter. Also es gibt dann, kann ich auch nochmal
0:29:37–0:29:40
verlinken, diese Tuxa-Sagen-Seite.
0:29:40–0:29:42
Und da findet man auch so ein paar Texte.
Micz Flor
0:29:42–0:29:43
Okay.
Florian Clauß
0:29:43–0:29:46
Willst du noch eine weitere Sage hören?
Micz Flor
0:29:46–0:29:50
Ja, möchtest du die nächsten zwei in eine zweite Episode reinkleben oder möchtest
0:29:50–0:29:51
du die alle jetzt durchmachen?
Florian Clauß
0:29:51–0:29:53
Ja, wir können mal gucken. Jetzt haben wir noch ein bisschen Zeit,
0:29:53–0:29:55
bis das Abendessen anfängt, oder?
Micz Flor
0:29:55–0:29:58
Okay, dann machen wir das so, dass wir jetzt hier einen Schnitt machen.
0:29:58–0:30:01
Das kennt ihr ja von uns. Manchmal, wenn es länger wird, dann machen wir das.
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Und werden dann in vier Wochen die anderen beiden sagen, aus den Tuxeralpen.
0:30:11–0:30:14
Tuxeralpen. Danke, Flo. Wir machen es ganz schnell, weil wir jetzt natürlich
0:30:14–0:30:16
hier gleich weiter aufnehmen.
Florian Clauß
0:30:16–0:30:18
Ja, macht's gut. Bis dann. Tschüss.

Die Gefrorene Wand

Es ist lange her, so lange, dass keiner mehr den Namen jener Menschen kennt, die damals lebten. Doch die Alten erzählen es ihren Kindern noch heute, und die Kinder erzählen es weiter, denn der Berg, um den es geht, steht ja noch immer da – man muss nur hinaufschauen.
Versteckt im hintersten Winkel des Tuxertals, dort, wo heute das Spannagelhaus in den Wind gestellt ist, lag einst die schönste und größte Alm des ganzen Tales. Wer sie sah, dem ging das Herz auf. Die Wiesen leuchteten so saftig grün, dass es in den Augen schmerzte, und das Vieh war so wohlgenährt, wie man es nirgends sonst gesehen hatte. Wenn die Almer am Abend ihre Kühe melkten, da floss die Milch nicht dünn und bläulich in die Kübel, wie es bei armen Leuten der Fall ist – nein, sie floss dick und gelb wie der reinste Rahm aus den Eutern, und der Duft von frischer Butter lag über der ganzen Alm.
Niemand musste hungern in jenen Tagen. Bis weit hinaus ins Zillertal wurden die Menschen mit Butter, Käse und Milch von dieser einen Alm versorgt, und man nannte sie glücklich, die dort oben ihr Vieh hüten durften.
Doch, wie es so geht, wenn der Mensch es allzu gut hat: Die Almer wurden übermütig. Sie wurden faul, und sie wurden hochmütig, und schließlich vergaßen sie sogar den lieben Herrgott, dem sie all ihren Reichtum zu verdanken hatten.
Es war an einem Sonntagmorgen. Unten im Dorf läuteten die Kirchenglocken zur heiligen Messe, hell und klar stieg ihr Klang die Berge herauf. Doch die Almer lagen faul auf ihren Strohbetten, gähnten und streckten sich und dachten gar nicht daran, den weiten Weg hinunter ins Dörflein zu gehen, um dem Herrgott für seine Güte zu danken.
„Was brauchen wir in die Kirche gehen“, sagte einer, der gottloseste von allen, und lachte, „wo wir doch hier oben mehr zu essen haben, als wir je verbrauchen können!“
Und ein schallendes Gelächter erhob sich, das von der Alm bis hinunter ins Dorf zu hören war.
Nur zwei von ihnen besannen sich noch rechtzeitig. Sie erschraken über die frevelhaften Worte, sprangen auf und liefen, so schnell sie ihre Beine trugen, den Berg hinab zur Kirche, um die Messe nicht zu versäumen. Die anderen aber riefen ihnen höhnisch nach: „Betbrüder! Betbrüder!“, und wieherten vor Lachen.
Dann standen sie auf von ihren Strohbetten, und weil ihnen langweilig war, fingen sie mit teuflischem Übermut an, die großen, fetten Butterkugeln herumzuwerfen. Jauchzend und mit gottverlassener Freude schleuderten sie die Butter über die grünen Wiesen, bis die Kugeln an den Baumstämmen zerplatzten. Als ihnen auch das noch zu langweilig wurde, da rollten sie die kostbaren Butterkugeln den Hang hinunter, dem Dorf entgegen – und zielten geradewegs auf das kleine Kirchlein, in dem eben die Messe gefeiert wurde.
Die erste Kugel traf die Kirchentür.
Und im selben Augenblick zerriss ein furchtbarer Donner den Himmel. Es krachte, als bräche die Welt entzwei. Ein Blitz nach dem anderen schlug in den Boden, und schwarze Wolken, wie man sie noch nie gesehen hatte, wälzten sich über die Alm und hüllten sie ein. Zuerst kam der Regen, in Strömen, dann kam der Schnee – und der Schnee hörte nicht mehr auf.
Drei Tage und drei Nächte schneite es ohne Unterlass. Und als es am dritten Tag endlich still wurde und der Schnee aufhörte zu fallen, da war die Alm verschwunden. Wo eben noch das saftige Grün bis ins Tal geleuchtet hatte, lag nun eine meterhohe, weiße, tote Decke aus Eis und Schnee. Darunter aber, für immer begraben, lagen die frevelhaften Almer mit all ihrem Übermut.
Der Berg war erstarrt. Und von jenem Tag an nennen ihn die Leute nur noch die Gefrorene Wand.
Und wenn du heute hinaufschaust zu ihr, zu dem grauen Eis, das dort oben liegt, wo einst die schönste Alm des Tales war – dann denke an die Almer, die vergaßen, wem sie zu danken hatten. Der Berg hat es nicht vergessen.

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