EGL101 Nachruf auf Dan Simmons‘ Spiel mit Wirklichkeit: Jonglieren mit Dickens, Homer, Sherlock Holmes und dem Shrike
Dan Simmons ist verstorben. In dieser Episode möchte Micz versuchen den Autor, der sich immer beiläufig über Genregrenzen hinweggesetzt hat, mit dem Lasso mal einzufangen und zu umarmen. Über Jahrzehnte hinweg hat Simmons Horror, Science-Fiction und historische Stoffe zu einem Regenschirm verwoben, mit dem Leser:innen federleicht die Feldsteinmauern übersegeln, die das Genrefallobst einzäumen. Und hätte das diesen Satz noch viel eleganter formulieren können. Mit seinem Tod im Februar 2026 verliert die Literatur eine der eigenwilligsten Stimmen der Gegenwart. Gleichzeitig blieb Simmons Werk das eines Unvollendeten. Weil seine Bücher oft mehr aufrissen, als sie abschließend beantworten wollten. Ob in den verschachtelten Erzählstrukturen von „Hyperion“, den offenen philosophischen Fragen in „Ilium“ oder den ausufernden historischen und moralischen Dimensionen von „Carrion Comfort“. Viele seiner Geschichten wirken deshalb wie Momentaufnahmen aus größeren, kaum greifbaren Zusammenhängen. Micz sieht es positiv: für einen kongenialen Showdown war Dan Simmons selten zu haben, der stresst nur, aber parallel in unterschiedlichsten Schichten eines historischen Moments zu schwelgen und zu flanieren, das konnte er wie kein anderer genießen und teilen. Unvollendet auch, weil es jahrzehntelang sicher war, seit den 1990ern, dass er mit "Hyperion", "Drood", "Ilium", "Carrion Comfort", "The Crook Factory", "The Abominable" und auch dem Erstlingswerk "Song of Kali" ganz groß in die Kinos kommt. Es ist nicht passiert. "Hyperion" wäre der geniale Stoff für eine Stream-Serie. Es ist nicht passiert. "Terror" wurde als Serie verfilmt. Er hatte auf so viel mehr gehofft und darauf immer wieder auch in Interviews gebaut. Wir haben uns im Podcast in einer Mini-Serie an seinem Werk abgearbeitet – und sind dabei durch sehr unterschiedliche Welten gereist. In „Carrion Comfort“ begegnen wir sogenannten Mind-Vampires, die Macht über Menschen ausüben und Geschichte aus dem Schatten heraus beeinflussen. Mit „Hyperion“ entwirft Simmons eine vielstimmige Space Opera, die eher an eine Sammlung miteinander verwobener Geschichten erinnert als an einen klassischen Roman. „Ilium“ wiederum verlegt antike Mythen in eine ferne Zukunft auf dem Mars und stellt die Frage nach Menschlichkeit in einer posthumanen Welt. Und mit „Song of Kali“ sowie „Drood“ zeigt sich seine düstere, literarisch verspielte Seite zwischen Horror und historischer Fiktion. All diese Bücher eint, dass sie sich Zeit nehmen, ausufern dürfen und dabei voller Ideen stecken – manchmal sperrig, oft überwältigend, aber nie beliebig. Simmons war kein Autor für nebenbei. Seine Romane fordern Aufmerksamkeit, Geduld und Neugier. Sein Werk bleibt.
Transcript
Verwandte Episoden
- EGL043 Dan Simmons Appetitmacher 1: Song of Kali & Drood - Review über Horror, psychologischer Thriller und Historienroman
- EGL045 Dan Simmons' Ilium: epische Schlachten auf dem Mars und die Suche nach Menschlichkeit zwischen Göttern, Androiden und modifizierten Menschen
- EGL047 »Hyperion« von Dan Simmons: symphonische Space-Opera oder Genre-Mix fesselnder Kurzgeschichten?
- EGL050 »Carrion Comfort« von Dan Simmons: Mind Vampires, Nazis und John Lennons Tod in einem Meisterwerk des Horrors
Wir haben vier Episoden in unserer Mini-Serie zu Dan Simmons, die wir hier verlinkt und deren Zusammenfassung noch mal zusammengefasst haben. Enjoy.
Unsere kleine Simmons-Reihe beginnt mit zwei frühen bzw. zentralen Werken von Dan Simmons, in denen sich bereits sein typischer Mix aus Horror, historischer Kulisse und psychologischer Verunsicherung zeigt: In „Song of Kali“ gerät ein amerikanischer Schriftsteller auf der Suche nach einem Manuskript in Kolkata in einen zunehmend albtraumhaften Strudel aus Kult, Religion und unheimlichen Andeutungen, in dem sich kulturelle Fremdheit und unterschwelliger Horror zu einer dichten, verstörenden Atmosphäre verbinden. „Drood“ verlagert diese Stimmung ins viktorianische London und verknüpft reale Figuren wie Charles Dickens und Wilkie Collins mit einer opiumgetränkten Erzählperspektive, in der eine rätselhafte Gestalt und übernatürlich anmutende Ereignisse die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit auflösen; dabei wird gerade die Unsicherheit des Erzählens selbst zum zentralen Element des Horrors. Insgesamt zeigt sich hier sehr schön Simmons’ Interesse an ambivalenten Perspektiven, historischen Settings und einer Erzählweise, die weniger auf klare Auflösung als auf die Irritation der Wahrnehmung setzt.
In „Ilium“ überträgt Dan Simmons den Trojanischen Krieg in eine ferne Zukunft und verbindet drei parallel verlaufende Handlungsstränge zu einem vielschichtigen Science-Fiction-Epos: Auf dem Mars inszenieren selbsternannte Götter eine Art Wiederaufführung der „Ilias“, während auf der Erde genetisch optimierte Menschen in einer scheinbar hedonistischen, durch Technologie geprägten Welt leben und KI-basierte Moravecs von den äußeren Planeten aus die Ereignisse untersuchen. Diese Stränge kreuzen sich zunehmend, während ein wiederbelebter Gelehrter auf dem Mars als Beobachter fungiert und versucht, die Vorgänge zu dokumentieren und zu verstehen. Trotz der futuristischen Kulisse steht dabei weniger die Technik als vielmehr die Frage nach Menschlichkeit, Kultur und Identität im Mittelpunkt, während Simmons zugleich mit literarischen Bezügen, philosophischen Ideen und einer großen erzählerischen Bandbreite arbeitet, die schließlich in einem martialischen Finale zusammenlaufen.
„Hyperion“ präsentiert sich als vielstimmige Space-Opera, die sieben Pilger:innen auf ihrem Weg zu den geheimnisvollen Zeitgräbern begleitet, wobei jede Figur ihre eigene Geschichte erzählt und damit ein Mosaik aus unterschiedlichen Genres, Motiven und Perspektiven entsteht. Im Zentrum steht das rätselhafte Shrike, eine übermächtige, zeitreisende Kreatur aus Metall und Klingen, um die sich eine Art Kult gebildet hat und deren Bedeutung sich im Verlauf der Erzählungen nur fragmentarisch erschließt. Die besondere Struktur des Romans, angelehnt an klassische Rahmenwerke der Literatur, erlaubt es Simmons, unterschiedliche narrative Stile zu verbinden und zugleich größere Fragen nach Schicksal, Glaube und Bedeutung von Geschichten selbst zu verhandeln, wodurch „Hyperion“ als episches Gesamtwerk. Spektakel.
„Carrion Comfort“ gehört zu den umfangreichsten und komplexesten Horrorromanen von Dan Simmons und kombiniert psychologischen Terror mit historischen und zeitgeschichtlichen Bezügen, indem sogenannte Mind-Vampire Menschen durch mentale Kontrolle beeinflussen und ihre Kräfte durch „Feeding“ aufrechterhalten. Im Zentrum stehen unter anderem Figuren wie Melanie, eine dominante Persönlichkeit unter diesen Wesen, sowie weitere Akteure, deren Beziehungen von Macht, Kontrolle und Rivalität geprägt sind, während sich ein über Jahrzehnte andauerndes Netzwerk von Intrigen und Konflikten entfaltet. Bereits in den frühen Kapiteln wird deutlich, wie sehr Macht als Form von Gewalt und Manipulation im Vordergrund steht, wobei sich die Auseinandersetzungen letztlich als Kämpfe um geistige Überlegenheit darstellen. Ergänzt durch historische Anspielungen und popkulturelle Bezüge entfaltet Simmons ein dichtes, vielschichtiges Horrorszenario, das gleichzeitig auf klassische Schockeffekte und perfide Spannung setzt.











Schreibe einen Kommentar