"Die *Vurtuellen* strebten nach Unabhängigkeit. Ein neuralgischer Punkt an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit war die Atmosphäre um Manchester. In dieser Stadt trug sich jener Zwischenfall zu, die als Pollinisierung in die Geschichte einging.
Es ist Frühling in Berlin, alles blüht, und das passt gut, denn wir reden über Pollen! Allerdings nicht über gewöhnlichen Blütenstaub, sondern über den visionären Roman von Jeff Noon, der uns seit den 90ern nicht mehr loslässt. Diesmal laufen wir auf unserer Tour an der Mauer des Krankenhauses Friedrichshain entlang zum Volkspark Friedrichshain und steigen auf einen der ehemaligen Flakturm-Hügel, unter dem noch Stahl und Beton aus der Nazi-Zeit verschüttet liegen und der heute längst zugewachsen ist. Die invasive Natur ist auch ein starkes Bild, das der Roman Pollen aktiviert. Ausgangspunkt für diese Episode ist unsere 100. Folge, in der wir die Idee entwickelt haben, dass die Stadt mit ihren Straßen und Gebäuden als ein Palimpsest aufgefasst werden kann: wie ein mehrfach beschriebenes Pergament, auf dem sich Schichten von Geschichte, Erinnerung und Erfahrung überlagern. Flo hat diese Feder weitergesponnen und ist dabei auf den Science-Fiction-Autor Jeff Noon gestoßen, der 1957 in Manchester geboren wurde. Noon hat mit seinem Vurt-Zyklus – Vurt (1993), Pollen (1995), Automated Alice (1996) und Nymphomation (1997) – den transluzenten SciFi-Spirit der 90er Jahre eingefangen und ein literarisches Universum geschaffen, das unsere heutige Realität in der Virtualität teilweise vorweggenommen hat. Zum Vurt-Worldbuilding liest Flo die ersten Seiten der deutschen Übersetzung vor: eine Welt, in der Träume auf biomechanischen Federn gespeichert und konsumiert werden, in der das Virtuelle, das „Vurt", ein Eigenleben entwickelt und schließlich einen Spiegelkrieg zwischen Traum und Wirklichkeit auslöst. Wir diskutieren, wie Noons Ideen sich in unserer Gegenwart materialisiert haben: Die X-Cab-Taxis des Romans, die durch ihre Fahrten den Stadtplan von Manchester erst erzeugen, sind im Grunde Uber inklusive algorithmischer Preisgestaltung und dem Ausnutzen prekärer Arbeitsverhältnisse. Macht und Meinung, die den Raum des Virtuellen dominiert und über die Sozialen Medien so Diskursbestimmend wird, dass wir an der Schwelle zu einem 3. Weltkrieg stehen. Zombies, die im Vurt hängenbleiben, körperlich anwesend, aber geistig abwesend, sehen wir täglich in der S-Bahn beim TikTok-Swipen. Und der Pollen selbst, der Manchester überschwemmt und die Menschen sich zu Tode niesen lässt? Vor Kurzem ist durch Corona die weltweite Mortalität saisonal gestiegen, und Millionen Klimaflüchtlinge sind auf der Welt unterwegs. Manchester spielt in Noons Werken eine zentrale Rolle. Madchester, Mazechester, Divchester: Jeff Noon zeichnet in Pollen ein Bild der Stadt als Labyrinth aus Vurtern, undurchdringlich und doch zugänglich. Wir schlagen auch Brücken zu Deleuze und Guattaris glatten Räumen, zu Chaosmagie und Reality Tunnels und entfalten ein ganzes Cluster an Filmen und Serien, die Noons Ideen weitertragen: Inception, Matrix, Annihilation, District 9, Stranger Things, The Last of Us, eXistenZ, Parasite, Nomadland, Midsommar. Uns beschäftigt auch die Frage, warum Jeff Noon trotz seiner prophetischen Kraft so viel unbekannter geblieben ist als Philip K. Dick oder William Gibson. Zu wenig Output? Zu wenig Genre-Schublade? Zu viel Manchester und zu wenig London? Wir spekulieren, und Micz schlägt vor, den Autor einfach mal zu kontaktieren. Wir nehmen unsere Federn in den Mund und halten die Luft an...
Nee, Wiggling Things ist, wir waren mal zusammen auf einer Konferenz,
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wo wir unser Cyber-Tattoo vorgestellt haben.
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Und das war irgendwie so da in Wales oder so. Wir sind von London dann rübergefahren.
Micz Flor
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Doch, ja, ja.
Florian Clauß
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Und das war so eine komische Konferenz, wo wir dann so einen vernichtenden Report
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auf Convex TV dann gemacht haben von dieser Konferenz.
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Aber eine Sache, die fanden wir beide gut, das war halt ein Typ,
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der einen Vortrag gehalten hat, The Future of Wiggling Things.
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Und das war halt so, wo wir erstmal so, wie kann man halt Interfaces neu denken?
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Also ein bisschen von der Maus, aber es war auch dann, und dann komme ich wieder
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auf diese Schiene von, Was hat uns noch Jeff Noon quasi im Output gebracht?
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Das ist zum Beispiel Existenz. Das ist vielleicht wirklich die beste Sache.
Micz Flor
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Die mir da einfällt.
Florian Clauß
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Ah, diese komischen Interfaces, die dann halt sehr biomechanisch werden,
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ja, die dann aber irgendwie so ein bisschen so halt irgendwie alles so ein bisschen Bio-Hazard.
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Es wird so, äh, wie so Pollen halt, nicht so richtig klar.
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Das wäre jetzt auch für mich dann halt so Existenzwetter und sowas in der Richtung.
Micz Flor
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Ja, stimmt. Das ist ein gutes Beispiel. Bei Wörth, und es klingt jetzt so ein
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bisschen verschroben, aber mit diesem, bei Wörth eben mehr als bei Pollen.
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Aber ich habe vorhin auch noch gedacht an den Film Inception. Auch wenn das jetzt...
Florian Clauß
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Ja, ja, Inception ist auch voll, habe ich auch dran gedacht.
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Inception, das ist nämlich diese immersive Traumwelt. Wir haben ja da so Zombies,
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die dann irgendwo hängenbleiben.
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Und das ist halt so, dass wenn du jetzt in der S-Bahn guckst und alle sich dann
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halt irgendwie auf TikTok dann halt swipen.
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Das ist ja genau der gleiche VR-Zustand, den du dann halt hast.
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Du hast dann halt irgendwelche Leute, die total abwesend, mindmäßig sind,
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aber da vom Körper und die ganze Zeit nur den Daumen bewegen.
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Das ist ja so ein Zombie-Bild, was da kommt.
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Bei Inception hast du ja auch diese Figuren, die da irgendwo hängenbleiben.
Micz Flor
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In der Traumwelt. In dem Word, das ist ja manchmal mehr Word als für mich zumindest
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mehr Word als Pollen, da gab es dieses Bild, wenn jemand eine Feder nimmt im Traum.
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Das heißt, der hat schon eine Feder genommen und dann nimmt er noch eine Feder.
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Und das ist wie bei Inception, wo die ja auch diese Träume in den Träumen haben.
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Das sind so gestaffelt ineinander.
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Und woraus sich dann eben auch im Rückwirkung über Existenz eben diese Frage
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ergibt, sind wir nicht doch sowieso schon in der Simulation?
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Sind wir nicht eh schon auf dieser Feder und nehmen dann nur noch mehr Federn
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in diese Richtung hinein?
Florian Clauß
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Ja, und dann hast du da in der Linie von Satoshi Kon Paprika.
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Das ist ja auch dann so eine virtuelle, unterbewusste Welt, wo Paprika,
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die Figur, sich bewegt. Anni mir?
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Wir hatten bei Tokyo Godfather darüber gesprochen.
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Und natürlich der Prototyp aller Filme 1999 rausgekommen, Matrix.
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Wo dann halt auch diese virtuelle Welt und wo sich auf einmal so eine ganz andere
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Welt dahinter rausbricht.
Micz Flor
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Ja, interessant, weil da wäre dann wirklich Nunes Literatur wäre schon in der
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Matrix. Weil wenn die sich dann aus der Matrix auskoppeln, dann haben sie ja
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quasi keine Feder mehr im Mund, sage ich mal.
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Und alles, was nun geschrieben hat, ist irgendwie schon in diesem Raum,
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in dem es auf einmal passieren kann, dass ein Deo keinen Mund mehr hat.
Florian Clauß
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Ja, stimmt.
Micz Flor
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Was auch wahrscheinlich sogar eine Referenz auf Harlan Ellison ist,
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weil die eine Kurzgeschichte, die ich beim letzten Mal erwähnt habe,
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I have no mouth, but I must scream.
Florian Clauß
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Ja, das wäre so dieses Cluster von emasiver Traumwelt.
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Wenn wir Pollen, wenn wir diese Pandemie-Geschichte darauf gucken,
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finde ich auch, ich weiß nicht, hast du wahrscheinlich nicht gesehen,
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aber finde ich halt irgendwie auch stark dieses Last of Us.
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Die Serie, die produziert wurde, von dem Spiel heraus, wo dann halt auch diese
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Zombie-Pilz-Erkrankung,
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gibt es auch so eine Pandemie, die Leute, es sind halt so Pilze,
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die dann halt die Leute zu Zombie werden lassen.
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Ja, ähnlich die Weiterverbreitung dann durch Infektionen. Und es gibt dann halt
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aber so eine Welt, eine dystopische, das wurde halt total ausgeschlagen.
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Das hatte ich ja auch da im Zusammenhang mit 28 Years Later,
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weil Last of Us hat so ein Budget gehabt, die konnten halt quasi so dann die
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Städte im Zerfall zeigen,
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wo sich dann halt die Bäume aus den Hochreisern wachsen und dieses ganze Panorama
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dann halt so auffächern,
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wo dann halt die Autos sich dann kilometerweit stauen und schon so eingewachsen
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sind und so weiter. Das hat also Last of Us aufgemacht.
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Und das Anni-Legischen haben wir gerade darüber gesprochen, da bist du ja nicht so meiner Meinung.
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Aber finde ich auch von der Ästhetik, von dem Gefühl her.
Micz Flor
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Also von der Ästhetik finde ich es auch sehr passend, dieses einfach mal wachsen lassen.
Florian Clauß
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Einfach mal wachsen lassen, genau. Also das ist quasi die Natur übernimmt Kontrolle.
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Das ist halt auch so dieses unkontrollierbare Natur in der Figur der Persephone.
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Das ist ja dann auch das, was dann halt wieder so, was hat uns der Klimawandel jemals gebracht?
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Es ist unkontrollierbar, aber es kommt ja da, nimmt sich ja dann halt,
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die Kipppunkte fallen, und es kommen Zustände, die halt, vorher war es ein Gleichgewicht,
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jetzt gibt es ein Ungleichgewicht da.
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Dann dieser Cluster-Hybrid-Rassismus, und da möchte ich diesen,
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wo wir beide sagen, das ist richtig gut,
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Nämlich District 9. Das ist ja auch so eine Welt, wo die Aliens dann karseniert werden.
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Und das finde ich auch so, es gibt halt Aliens und dann geht es aber noch einen
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Schritt weiter und noch einen Schritt weiter.
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Finde ich auch unglaublich weit gedacht. Den Film bin ich großartig.
Micz Flor
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Ja, vor allen Dingen ist der halt so toll, weil da kommen halt diese Aliens
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mit diesem absolut abgefahrenen Tech auf die Erde und dann haben sie so eine
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Form von Bruchlandung und sind auf einmal quasi in solchen Lagern inhaftiert
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und werden dann die, in Anführungszeichen,
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Minderwertigeren, obwohl die
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doch eigentlich die sind, deren Raumschiff immer noch über uns schwebt.
Florian Clauß
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Ich will jetzt nochmal den Moment des Raumschiffes festhalten,
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weil wir sind hier beim Velodrom.
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Genau, das sieht aus, als ob das jetzt gerade so aus der Erde dann abheben könnte.
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Der Strang von diesen prekären Arbeitsverhältnissen, was dann halt sich in den
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Figuren der Dog People dann niederschlägt, Das haben wir auch in verschiedenen Filmen.
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Da würde ich jetzt, ich weiß nicht, ob du den gesehen hast, ganz toller Film, Nomadland.
Micz Flor
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Ja, toll. Nomadland.
Florian Clauß
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Nomadland, Nomadenland, ja. Wo
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dann halt auch eben die Bedingungen von so Arbeiterinnen erzählt werden,
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die dieser Ökonomie hinterherreisen, die dann Versand Amazon und so weiter organisieren
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und da halt auch keine soziale Absicherung haben.
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So in so einem Zwischenbereich, in Wohnwagenleben. Wenn sie für sich verletzen,
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dann können sie nicht mehr arbeiten.
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Diese prekären Verhältnisse dann einfach so darstellen. Gleichzeitig aber so
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ein Spezialwissen in sich tragen.
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Ja, vielleicht bei Nomadland nicht.
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Aber bei Parasite ist auch so ein, vielleicht so ein Negativbeispiel dafür.
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Parasite, dieser koreanische Film, wo dann auch eine Infrastruktur ausgenutzt
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wird und auf einmal so wie so ein Parallelleben entsteht in einer Wohnung.
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Auch toll, wenn man das jetzt so da mit reinzieht.
Micz Flor
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Stimmt.
Florian Clauß
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Dieser ganze Strang, ich habe es nur kurz angedeutet, aber ich habe dann auch
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schon ein Beispiel dafür genannt, mit dem Folklore, Folkhorror,
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mythischen. Also das dann bei Stranger Things kommt das ja auch so vor.
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Oder Midsommar würde ich jetzt auch da so mit reinnehmen, wo du quasi auf einmal
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so Rituale hast, die erstmal so, hä, wo kommt das jetzt her?
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Und dass sich da so, dass sowas entsteht, finde ich da auch irgendwo in diesem
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Roman, kann man das dann halt auch so mit rausziehen.
Micz Flor
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Also ich mag beides sehr. Ich muss jetzt noch mal drüber nachdenken,
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wie ich das verbinden könnte, weil Rituale in der Form ist ja bei Jeff Nunn,
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Bei Jeff Noon habe ich immer das Gefühl, es entstehen vielleicht Ideen,
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wie man sich verhalten sollte, aber die entstehen immer als Reaktion auf etwas,
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was man noch nicht kennt oder was nicht abschätzbar ist.
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Man muss dann in dieses Word rein, aber was machen wir, wenn wir da drin sind und so?
Florian Clauß
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Ich muss dazu nochmal, weil das eine Figur ist, die wir noch nicht erwähnt haben,
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nämlich es geht um John Barleycorn.
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Das ist nämlich auch eine Figur aus dem Wörth, die im Prinzip auch in Persophonie
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als ein Sidekick damit rauskommt.
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Und Barleycorn ist im Prinzip, ich will da mal auch so ein Gedicht vorlesen,
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das steht hier auch auf den ersten Seiten, soweit bin ich gekommen mit dem Buch.
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John Barleycorn. Einst kamen drei Männer von Westen her, um ein Ende zu machen der Not.
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Und diese drei Männer schworen den heiligen Eid, John Balikorn, den Tod.
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Sie säten ihn aus, sie pflügten ihn unter, zu tief für jedes Lot.
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Und diese drei Männer schworen den eheligen Eid, John Balikorn war tot.
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Sie ließen ihn dort in Humus und Erde, bis es der Himmel hat regnen lassen.
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Und da sprach little Sir John aus dem Boden, und sie konnten es alle nicht fassen.
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Sie holten Männern mit Flegeln und Klüppeln, auf dass sie ihn droschen wie Spreu.
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Sie holten Männern mit Missgabeln lang, auf dass sie ihn stachen wie Heu.
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Sie holten Männer mit Senden und Messern, auf dass sie ihn mähten von seinen Beinen.
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Und der Müller, der ging noch ein gutes Stück weiter, hat gemahlen ihn zwischen den zwei Steinen.
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Und Little Sir John im nussbrauen Bier und dem kräftigen Whisky im Becher.
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Und Sir John im Nussrauen Bier war doch stärker als all diese Rächer.
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Da hast du ja nochmal so dieses...
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Neolithische drin. Der Mensch fängt an mit dem Ackerbau, ja,
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versucht, diese Natur zu bezwingen.
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Und das ist dieser Folkhorror, den wir dann auch bei Sinners haben oder so.
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Oder Midsommar. Das ist, was ich meine, das ist diese Figur des Balikorn.
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Die Natur, die dann halt wieder zurückschlägt, die lässt sich nicht domestizieren, ja.
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Die bleibt dann halt irgendwie im Braun vom Whisky und wird dich dann vergiften
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und wird dich dann wieder einholen. Persophonie ist mehr dieses Mythologische,
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in Richtung Pans Labyrinth und so weiter geht, aber dieser Folkhörer wird dann
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eher von dieser Figur verkörpert.
Micz Flor
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Stimmt, das passt gut. Das Gedicht kannte ich glaube ich gar nicht,
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aber ich muss es ja gelesen haben.
Florian Clauß
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Ja, aber ich finde das toll, ich finde das toll, weil das ist wirklich genau
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dieses, du lässt, du kannst noch ein nöcher Ackerbau betreiben,
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irgendwann musst du dann doch wieder Nomade werden.
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Und dann hier dieser ganze Eskapismus, diese Sucht und so weiter.
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90er Jahre Trainspotting natürlich.
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Und Requiem for a Dream, das ist auch so dieses Gefühl von Eskapismus so ausgelöst hat.
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Und dieses ganze KI-Thema.
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Kürzlich in die Intelligenz als neue Spezies. und da haben wir halt diese Vorläufer
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Hör von 2013, Ex Machina, auch von Garland.
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Ja, also da haben wir ja schon diese ganzen, wo es angelegt ist und wo wir jetzt
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in so einer Zeit leben, wo es halt irgendwie real ist.
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Und wo dann halt quasi der Pollen, die künstliche Intelligenz uns dann halt
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so bestimmt im Alltag, wie wir es sich ausnehmen.
Micz Flor
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Eher der Wörth. Das Wörth der Pollen sind dann eher die Handys.
Florian Clauß
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Das ist das, was rausragt. Ja, stimmt. Wo wir infiziert sind.
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Das wollte ich jetzt nochmal so dieses ganze Feld aufmachen.
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In der Beschäftigung und in der Retrospektive sich dann irgendwie so 30 Jahre
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nach Pollen anzuschauen.
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Was hat Pollen alles ausgelöst?
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Und ich glaube, der Pollen hat sich da schon ganz schön rausgetragen.
Micz Flor
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Ja, vor allen Dingen auch diese Idee. Du hast Hegemonie gesprochen.
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Ich hatte vorhin gesagt, diese Hard-Science-Fiction, wo es dann um den Device
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geht, um das Gadget, um die Atombombe, um das Ding so.
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Und der Mensch hat es gemacht und jetzt muss der Mensch damit leben.
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Und bei nun und bei unserem Heute,
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die wir alle diese Handys rumtragen, dadurch helfen wir, da hinten diesem Algorithmus
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mehr zu lernen, zu wissen und so weiter, dass der Mensch viel mehr schon eingebunden
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ist in diesen Prozess. Nicht mehr so wie bei einem,
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Asimov-Kurzgeschichte oder so, wo es wirklich um die Technik geht,
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die der Mensch beherrscht und dann aber nicht mehr beherrscht,
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sondern wir sind einfach schon Teil von so einem Gewaberer,
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wo wir schon eh jetzt nicht explizit, aber implizit irgendwie so verklebt sind mit diesem Ganzen.
Florian Clauß
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Ja, wir sind verwachsen, wir sind halt quasi auch so Knotenpunkt der Kommunikation
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irgendwo, aber auch dann in unserem biologischen Wesen, dass wir halt ein Individuum
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sind, aber gleichzeitig dann doch irgendwie so nur Nur eine Vernetzung, nur so ein Verstärker.
Micz Flor
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Ja, und diese Sache, die dann, also gerade weil bei nun dann vielleicht wenig
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wirklich Devices vorkommen, kann man das leichter auf die heutige Vernetzung über Handys mitmachen.
Florian Clauß
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Vielleicht, ja.
Micz Flor
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Dieses, so eine Phone-Face, Leute, die halt immer nach unten gucken,
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wenn sie dann hochgucken, haben so ein leicht schwammiges Gesicht,
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weil da so viel Blut da reingerutscht.
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Also diese Art, wie wir dann in unserem Verhalten schon davon verändert werden.
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Oder dass halt eben auch messbar der Zeigefinger früher viel cleverer war als
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der Daumen. Inzwischen sind die Daumen viel cleverer als die Zeigefinger.
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Das ist alles erlernt, das ist jetzt nicht genetisch. Aber da werden wir schon verformt.
Florian Clauß
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Ja, da gibt es halt irgendwie so ein Rewriting.
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So viel zu Jeff Noon und dem Entdecken, was dann eigentlich von so einer Anekdote
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erstmal ausging, zu der 100.
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Episode, aber was ich dann doch irgendwie so weitergetragen hatte,
1:28:40–1:28:43
wo ich dann dachte, da mache ich eine eigene Episode draus.
Micz Flor
1:28:43–1:28:48
Vielleicht kann man Jeff Noon auch mal kontaktieren und ihn fragen, was nun, Herr Noon?
1:28:49–1:28:52
Weil gerade jetzt auch, weil du noch mal darüber gesprochen hast,
1:28:52–1:28:53
für mich war das so ein bisschen vergangen,
1:28:54–1:28:58
aber irgendwie entstand auf einmal so ein Gefühl, dass es eher wie Barlikorn
1:28:58–1:29:05
selbst auch in der Erde schlummerte und jetzt vielleicht nochmal anders rauskommen kann.
Florian Clauß
1:29:06–1:29:13
Und unsere Realität so bestimmt. Ja, ich meine, er ist gut gealtert, das kann man sagen.
1:29:14–1:29:18
Okay, dann würde ich sagen, wir sind am Ende der Episode. Links und so weiter
1:29:18–1:29:23
findet ihr wie immer auf unserer Netzseite eigentlich-podcast.de.
1:29:25–1:29:29
Auch Fotos, die wir gemacht haben auf der Tour und vor allen Dingen unsere Strecke,
1:29:29–1:29:30
wo wir langgelaufen sind.
Micz Flor
1:29:30–1:29:34
Und bist du jetzt zum Schluss nochmal hier zum Velodrom hochgepilgert,
1:29:34–1:29:35
einfach auch wegen der Foto?
Florian Clauß
1:29:35–1:29:39
Ich dachte, wir müssen nicht noch mal zum Velodrom gehen, weil wir waren schon dreimal hier.
1:29:39–1:29:42
Aber uns hat es dann doch irgendwie, weil manchmal habe ich nicht die Kontrolle,
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so wie wenn du deine Geschichte erzählst, kann ich immer sehr gut irgendwie
1:29:46–1:29:49
Fotos machen, ein bisschen gucken, wo wir langlaufen und dich dann so leiten.
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Aber wenn ich dann rede, dann bin ich manchmal doch so verfangen in meinen Worten.
Micz Flor
1:29:54–1:29:56
Ja, dann bin ich da einfach wieder hingepickert. Aber ich finde es ganz gut,
1:29:56–1:29:59
weil es ist wirklich einfach auch ein besonderer Ort.
1:29:59–1:30:03
Es hat ja auch was wie so ein, es ist ja so ein Plateau.
1:30:03–1:30:06
Das Wille drum ist irgendwie so ein Plateau, da könnte man sich auch vorstellen,
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dass da vor 60.000 Jahren schon genau an diesem Ort auch irgendwelche Riten
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und was auch immer da gemacht wurde.
Florian Clauß
1:30:16–1:30:16
Steine.
Micz Flor
1:30:16–1:30:22
Steine. Und diese Atmosphäre ist immer noch da und es entsteht immer wieder
1:30:22–1:30:24
irgendetwas Plateaueskes.
Florian Clauß
1:30:25–1:30:28
Plateausk. Also wir sind dann auch wieder bei Gutari und Gelös,
1:30:29–1:30:32
die auch immer mit tausend Plateaus und so weiter gearbeitet haben.
Micz Flor
1:30:33–1:30:40
Ja vielen Dank fürs Zuhören alles Erhaltung findet ihr auf eigentlich-podcast.de.
Florian Clauß
1:30:40–1:30:41
Und wir,
1:30:43–1:30:45
bis dann, tschüss.
Jeff Noons 1995 bei Ringpull Press erschienener Roman Pollen gehört zu jenen literarischen Arbeiten, deren Bedeutung sich erst im Abstand mehrerer Jahrzehnte in ihrer vollen Tragweite erschließt. Der 1957 in Manchester geborene Autor legte mit diesem Werk den zweiten Band seines sogenannten Vurt-Zyklus vor, eines losen Romanverbunds, der mit dem Debüt Vurt (1993) begann und neben Pollen auch Automated Alice (1996) sowie Nymphomation (1997) umfasst. Zwischen den Genrekategorien Science Fiction, Cyberpunk, Slipstream und dem, was später als „New Weird“ bezeichnet werden sollte, nimmt Pollen eine eigentümliche Zwischenstellung ein. Es ist weniger die unmittelbare literarische Wirkung, die Pollen heute bemerkenswert erscheinen lässt, als vielmehr die Präzision, mit der der Roman Entwicklungen vorwegnimmt, die sich zwischen Mitte der 1990er Jahre und der Gegenwart in ökologischen, medizinischen, technologischen und kulturellen Diskursen herausgebildet haben. Die im Folgenden vertretene These lautet, dass Noon, stärker als viele Autoren seiner Generation, Szenarien entworfen hat, die sich nicht als Fiktion verflüchtigt, sondern in veränderten Formen in die Realität eingewandert sind.
Der Roman spielt in einem nahzukünftigen, halluzinatorisch überformten Manchester. Zentral für Noons Kosmos ist die Idee einer parallelen Traumwelt namens „Vurt“, in die Menschen mithilfe farbcodierter Federn eintauchen können, einer Technologie, die sich zwischen psychedelischer Erfahrung und digitaler Virtualität verorten lässt. Die Grenze zwischen Realwelt und Vurt ist in Pollen bereits deutlich durchlässiger geworden als in Noons Debütroman; der Roman erzählt gewissermaßen den Moment, in dem diese Grenze ihre regulative Funktion verliert. Ausgelöst wird die Handlung durch einen massiven, unkontrollierbaren Pollenausbruch, der Manchester überzieht, körperliche Symptome hervorruft, das öffentliche Leben lähmt und in gesellschaftliche Panik mündet. Entscheidend dabei ist die kausale Struktur: Der Pollen stammt nicht aus einem externen Naturereignis, sondern aus der Vurt-Welt selbst, also aus einer Sphäre, die die Menschen der Romanwelt selbst hervorgebracht haben.
Der wohl produktivste Zugriff auf Pollen besteht heute darin, den Roman als Katalog von Motiven zu lesen, die sich in den drei Jahrzehnten seit seinem Erscheinen in realweltliche Phänomene verwandelt haben. Dabei geht es nicht um punktuelle Treffer, sondern um strukturelle Vorwegnahmen, deren Kohärenz bemerkenswert ist. Ein zentrales Motiv des Romans sind die X-Cab-Taxis, die Manchester nicht einfach befahren, sondern den Stadtplan durch ihre algorithmisch gesteuerten Fahrten überhaupt erst erzeugen. Stadt ist bei Noon nicht statischer Raum, sondern Produkt datenbasierter Bewegungsmuster. In dieser Konstellation lässt sich heute unschwer die Vorwegnahme von Plattformunternehmen wie Uber erkennen, inklusive algorithmischer Preisgestaltung, dynamischer Routenoptimierung und der Ausbeutung prekärer Arbeitsverhältnisse, die unter dem Deckmantel technologischer Neutralität operiert. Noons X-Cabs sind damit ein frühes literarisches Modell für jene Überlagerung von urbanem Raum und algorithmischer Steuerung, die die Gegenwart prägt. Der Roman entwirft das Vurt zugleich als Raum, in dem sich Macht, Meinung und Realitätskonstruktion bündeln, eine virtuelle Sphäre, deren Einfluss auf die physische Welt stetig wächst. Was Noon 1995 als halluzinatorisches Bild formulierte, beschreibt heute ziemlich genau die Funktionsweise sozialer Medien: Diskurse, Narrative und Affekte werden in einer virtuellen Umgebung erzeugt, die anschließend mit enormer Wucht in die materielle Wirklichkeit zurückwirkt, bis hin zur geopolitischen Eskalation. Dass wir gegenwärtig an Schwellen stehen, an denen medial verstärkte Feindbilder ganze Gesellschaften destabilisieren und die Rede von einem drohenden dritten Weltkrieg in den Hauptnachrichten angekommen ist, verleiht Noons Spiegelkrieg-Motiv eine nachträgliche Präzision. Im Roman existieren darüber hinaus Figuren, die körperlich in der Realwelt verbleiben, während ihr Bewusstsein in der Traumsphäre gefangen bleibt. Diese Vurt-Zombies sind heute in einer zugespitzten Variante im urbanen Alltag allgegenwärtig: in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf Straßen, in Wartebereichen, überall dort, wo Menschen über ihre Smartphones in algorithmisch kuratierte Aufmerksamkeitsschleifen eintauchen, während ihr Körper nur noch minimal an der physischen Umgebung teilnimmt. Noons Bild einer zweigeteilten Präsenz hat sich, ohne dass es noch halluzinogener Federn bedürfte, in der alltäglichen Nutzungspraxis sozialer Plattformen materialisiert. Das titelgebende Motiv schließlich verbindet mehrere Gegenwartsphänomene zu einem dichten Bild. Die unsichtbare, über die Luft übertragene Substanz, die eine Großstadt lahmlegt, hat in der COVID-19-Pandemie eine strukturelle Entsprechung gefunden. Zugleich verweist das Motiv auf die globale Zunahme von Allergien und Atemwegserkrankungen sowie auf die ökologischen Verschiebungen, die Millionen Klimaflüchtlinge in Bewegung setzen. Entscheidend bleibt die kausale Tiefenstruktur bei Noon: Der Pollen ist kein externer Einbruch, sondern Produkt jener Welt, die die Menschen selbst geschaffen haben. Damit nimmt Noon eine Einsicht vorweg, die heute in Epidemiologie und Ökologie breit diskutiert wird, dass ökologische Krisen Folgen menschlicher Eingriffe in Ökosysteme sind.
Die Themen, die Pollen verhandelt, bilden nicht bloß einen Hintergrund des Romans, sondern lassen sich als Cluster identifizieren, die in der audiovisuellen Kultur der vergangenen Jahrzehnte vielfach aufgegriffen und weitergedacht wurden. Diese Resonanzen verdeutlichen, wie tief Noons Motivik in der kulturellen Imagination verankert ist. Das Vurt als eigenständige, rückwirkende Sphäre findet seine filmischen Parallelen in Christopher Nolans Inception (2010), der die Durchlässigkeit von Traumebenen als narratives und ethisches Problem verhandelt, sowie in den Matrix-Filmen der Wachowskis (ab 1999), die das Modell einer dominanten virtuellen Wirklichkeit bis in die Metaphysik treiben. David Cronenbergs eXistenZ (1999) ist thematisch besonders nah an Noon, nicht zuletzt wegen der biomechanischen, fleischlichen Schnittstellen, die Cronenberg inszeniert und die Noons Federn auffällig ähneln. Das Bild einer Stadt oder Landschaft, die von einer biologischen Substanz überwältigt wird, hat in Alex Garlands Annihilation (2018) eine bildmächtige Entsprechung gefunden: eine Zone, in der Biologie, Genetik und Wahrnehmung hybridisieren. Ari Asters Midsommar (2019) verlagert das Motiv invasiver Natur in eine folk-horroreske Landschaft, in der organische Überwucherung, Drogen und kollektive Trance ineinandergreifen. Die Serie The Last of Us (2023) verdichtet das Motiv einer pilzbasierten, sporenvermittelten Pandemie zu einem Gegenwartsnarrativ, das in zentralen Punkten an Noons Pollen-Szenario erinnert, insbesondere in der atmosphärischen Übertragung und der biologischen Transformation der Betroffenen. Neill Blomkamps District 9 (2009) und die Serie Stranger Things (ab 2016) arbeiten mit der Vorstellung einer anderen Realität, die neben oder unter der vertrauten Welt existiert und in sie einbricht, eine Konstellation, die Noons Verhältnis von Manchester und Vurt strukturell spiegelt. Bong Joon-hos Parasite (2019) und Chloé Zhaos Nomadland (2020) wiederum zeichnen jene sozialen Verwerfungen nach, die in Noons X-Cab-Ökonomie als Prekarisierungsdynamik bereits angelegt sind: die Aushöhlung stabiler Lebensverhältnisse durch algorithmisch oder marktförmig organisierte Arbeitswelten. In der Summe zeigt sich, dass Noons Motivik sich über die Jahrzehnte in unterschiedliche Genres und Formate verteilt hat, ohne dass Pollen als Quelle immer kenntlich geblieben wäre. Der Roman erscheint damit weniger als Einzelwerk denn als früher Knotenpunkt eines Motivgeflechts, das die kulturelle Verhandlung von Virtualität, Ökologie und urbaner Krise prägt.
Dass Noon seinen Roman in Manchester ansiedelt, ist kein Zufall. Die Stadt, die im 19. Jahrhundert als erste Industriemetropole der Welt zum Sinnbild der kapitalistischen Moderne und ihrer sozialen Verwerfungen wurde, fungiert bei Noon als Versuchslabor, in dem sich die Langzeitfolgen menschlicher Eingriffe in Natur und Körper manifestieren. Die Stadt ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern selbst organismisches Gebilde, durchzogen, durchlässig, kontaminierbar. Im Roman selbst erscheint Manchester zudem unter verschiedenen Namen, Madchester, Mazechester, Divchester, die jeweils andere Aspekte dieser Stadt aktivieren: ihre subkulturelle Energie, ihre labyrinthische Unübersichtlichkeit, ihre mythisch-religiöse Tiefendimension. Damit wird Manchester bei Noon zu einem Palimpsest, zu einer Schriftfläche, auf der sich historische, mediale und imaginäre Schichten übereinanderlegen und wechselseitig durchdringen. Im Vergleich zu anderen Science-Fiction-Autoren der 1990er Jahre zeichnet sich Noon durch eine auffällige Trefferquote aus, was die Prognose realer Entwicklungen betrifft. Während klassische Cyberpunk-Szenarien häufig in den technokratischen Vorstellungen ihrer Entstehungszeit, etwa Konzernherrschaft, Cyberspace und kybernetischer Körpermodifikation, verhaftet blieben, verschob Noon den Fokus auf biologische, ökologische und traumartige Phänomene. Die Hybridisierung zwischen Mensch, Pflanze und Maschine, die Durchlässigkeit zwischen Wach- und Traumwelt, die Vorstellung einer Stadt als infiziertem Organismus, all dies berührt Themenfelder, die das 21. Jahrhundert stärker prägen als die klassisch cyberpunkhaften Motive. Dass Noon trotz dieser prognostischen Schärfe weniger kanonisiert ist als Autoren wie Philip K. Dick oder William Gibson, dürfte mehrere Gründe haben: eine vergleichsweise geringe Textmenge, eine Ästhetik, die sich den etablierten Genre-Schubladen entzieht, und nicht zuletzt die konsequente Verortung seines Werks in einer peripheren britischen Stadt, die lange als kulturell zweitrangig gegenüber London galt. Gerade diese Eigenwilligkeiten jedoch erklären, warum sich Pollen als Text erweist, der sich der schnellen Verwertung entzogen und dadurch seine Aktualität über die Jahrzehnte bewahrt hat. Pollen ist ein Roman, dessen eigentliche Lesbarkeit sich erst Jahrzehnte nach seinem Erscheinen einstellt. Was 1995 als halluzinatorische Genre-Mischung wahrgenommen werden konnte, erweist sich heute als sorgfältig konstruierte Reflexion über die Verschränkung von Biologie, Medien, urbaner Arbeit und Lebenswelt. Die Pandemie-Motivik, die ökologische Kausalität des Pollens, die algorithmische Stadt der X-Cabs, die aufmerksamkeitsverzehrenden Vurt-Zombies und der Spiegelkrieg zwischen virtueller und physischer Sphäre machen das Buch zu einem Dokument, das sich quer zu den dominanten Science-Fiction-Traditionen seiner Zeit positioniert.
Jeff Noons Leistung liegt weniger darin, die Zukunft vorhergesagt zu haben, ein Anspruch, den seriöse Literatur selten einlösen kann, als darin, jene Spannungsverhältnisse präzise benannt zu haben, aus denen spätere Wirklichkeiten hervorgehen sollten. Pollen funktioniert in diesem Sinne als literarischer Seismograph, als ein Text, der tektonische Verschiebungen registrierte, bevor ihre vollen Ausschläge sichtbar wurden. Dass seine Motive heute in einem breiten Spektrum filmischer und serieller Erzählungen wiederkehren, ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Tatsache, dass Noon ein Bildreservoir geschaffen hat, aus dem die kulturelle Imagination der Gegenwart bis heute schöpft.
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